„Die Geoökonomie eröffnet neue Spielregeln für Wirtschaft und Märkte“

Der globale Ordnungsrahmen befindet sich im Umbruch: Mit dem Aufstieg der Geoökonomie erlebt die internationale Politik eine Zäsur – und die Finanzmärkte stehen vor neuen Herausforderungen. Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft der Deka, analysiert diesen Epochenwechsel und bietet Orientierung in einer zunehmend politisierten Weltwirtschaft.

Holger Bahr

Leiter Volkswirtschaft der Deka

„Wir erleben derzeit eine klare Abkehr von der effizienzorientierten Globalisierung hin zu einer politikorientierten Geoökonomie“, erläutert Dr. Holger Bahr. Jahrzehnte lang war die multilaterale Zusammenarbeit geprägt durch Völkerrecht, internationale Institutionen und den Glauben an die Vorteile weltweiter Arbeitsteilung. Doch spätestens seit der Präsidentschaft Donald Trumps in den USA stehen nationale Interessen und staatliche Kontrolle wieder verstärkt im Mittelpunkt – zulasten von Effizienz und Marktprinzipien.

Dabei definiert sich Geoökonomie laut Dr. Bahr durch fünf markante Merkmale: Dominanz nationaler Ziele, geringe Rücksicht auf Effizienzverluste, Abschottung gegenüber Rivalen, staatliche Eingriffe sowie eine stärkere Kontrolle wirtschaftlicher Akteure: „Die Weltwirtschaft wird nicht abgebaut, sondern umfassend umgebaut.“

Eine neue politische und wirtschaftliche Landkarte

Der Deka-Volkswirt sieht eine politische Zweiteilung der Welt als wahrscheinlichstes Szenario: Einerseits ein US-geführtes Lager, das auf Sicherheit und Verteidigungsbereitschaft setzt; andererseits der chinesische Block mit eigenem Einflussbereich. Für Europa bleibt in diesem Bild zunächst nur die Rolle des Juniorpartners an der Seite der USA: „Eine eigenständige globale Führungsrolle Europas ist kurzfristig unrealistisch.“

Für Unternehmen und ganze Branchen bringt dieser geopolitisch forcierte Strukturwandel sowohl Chancen als auch Risiken. Während Rüstungs-, Technologie- und Infrastruktursektoren vor einem Investitionsboom stehen, geraten energieintensive Industrien – vor allem in Deutschland – durch hohe Preise unter Druck erläutert Dr. Holger Bahr und ergänzt: „Wir beobachten schon jetzt eine deutliche Handelsumlenkung, beispielsweise bei Exporten zwischen Deutschland und den USA sowie China und der EU.“

Veränderung der Warenexporte gegenüber Januar 2025. Werte in Klammern beziehen sich auf Deutschland; Quellen: Nationale Statistikämter, chinesischer Zoll, DekaBank.

Makroökonomische und kapitalmarktbezogene Auswirkungen

Trotz der tektonischen Verschiebungen bleibt der Ausblick des Volkswirt auf das globale Wirtschaftswachstum vergleichsweise robust. „Wir gehen weiterhin von einem realen Wachstum der Weltwirtschaft um gut 3 Prozent aus“, schätzt der Experte. Zwar schwächen die zunehmende Re-Regionalisierung und Effizienzverluste die Dynamik, doch Innovations- und Investitionsschübe – etwa durch KI und Rüstungsprojekte – kompensieren diese Effekte vorerst. Hinzu kommt: Die gestiegene Unsicherheit, etwa wegen der schwer einschätzbaren US-Politik, erhöht die Volatilität an den Kapitalmärkten. Dennoch führen diese geoökonomischen Veränderungen nicht zu grundsätzlich neuen Kapitalmarkttrends. Vielmehr rät der Volkswirte zu aktivem Portfoliomanagement und bewährten Grundsätzen: „Gerade in diesem Umfeld ist ein breit gestreutes, regelmäßiges Investieren wichtiger denn je“, empfiehlt Dr. Bahr.

Fazit: Kompetente Orientierung in der Geoökonomie

Der Wandel zur Geoökonomie bleibt ein langwieriger, vielschichtiger Prozess mit Gewinnern und Verlierern. Die tiefgreifenden Analysen der Deka geben Anlegern und Entscheidungsträgern wertvolle Orientierung in bewegten Zeiten. „Die Geoökonomie eröffnet neue Spielregeln für Wirtschaft und Märkte. Entscheidend bleibt, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und Chancen im Wandel gezielt zu nutzen“, fasst der Leiter Volkswirtschaft zusammen.

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