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21.02.2022

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5 Min.

Ein Reich sucht seine Mitte

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Der Glanz der Olympischen Spiele hat die aktuellen Probleme Chinas nur leicht übertüncht. Die Abschottungspolitik zur Corona-Bekämpfung, Finanzprobleme und Hindernisse im Außenhandel sorgen dafür, dass die Chinesen ihren Wirtschaftskurs ändern. Was heißt das für heimische und Auslandsunternehmen, aber auch für Anlegerinnen und Anleger, die auf die dynamischste unter den großen Volkswirtschaften setzen?

Chinas Staatspräsident Xi Jinping hat gerade viele erfreuliche Tage im Kreis auserwählter Mitbürgerinnen und Mitbürger. Im Rund des „Vogelnestes“, wie die Bürger ihr Nationalstadion nennen, finden nach den Olympischen Spielen die Paralympics statt. Und im Herzen der Hauptstadt halten sich Tausende Zuschauende tapfer mit rhythmischem Jubeln die eisige Kälte vom Leib. Alle durchgeimpft, alle mit Maske und alles Einheimische. Die feiern gleichermaßen Olympia wie den allmächtigen Parteichef auf der Ehrentribüne. Proteste? Pfiffe? Plakate? Undenkbar. Peking braucht die positive Wirkung solcher TV-Bilder und zugleich die Strahlkraft vieler Medaillen. Denn die westliche Welt sieht das Reich der Mitte immer kritischer. Die dortige Wirtschaft kämpft mit diversen und teils hausgemachten Schwierigkeiten. Nicht zuletzt droht auch der „chinesische Traum” des immerwährend wachsenden Wohlstands für Millionen Menschen zu platzen. Die enormen Finanzierungsprobleme beim Immobiliengiganten Evergrande sind dafür ein Fanal. Zehntausende chinesische Familien werden statt im Eigenheim auf hohen Verlusten sitzen – und Millionen ihrer Landsleute womöglich vorsichtiger beim Geldausgeben werden.

Es wird schwieriger – bevor es wieder gut wird. So lassen sich die Aussichten zusammenfassen, wie sie die Experten sowohl für den chinesischen Normalverbraucher als auch für Anlegerinnen und Anleger in Chinas Zukunft sehen. Kurz- und mittelfristige Krisen belasten demnach die Wirtschaft des Riesenreiches; aber die grundsätzlichen Rahmenbedingungen und auch die gesetzten Weichen zeigen auf langfristig gute Entwicklungschancen zwischen Ürümqi und Shanghai.

In China entstandene Produktideen werden immer häufiger auch im Rest der Welt Entwicklungen vorantreiben.

Janis Hübner, Asien-Experte der Deka

Die Volkswirte der Deka rechnen auch darum für 2022 nur noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von rund 5 Prozent: „Die Wachstumsrate von 8,1 Prozent 2021 war vor allem der starken Aufholbewegung nach dem Corona-Einbruch geschuldet. Vor Corona hat sich das Wirtschaftswachstum im Langfristtrend immer weiter abgeschwächt. Die Probleme sind von den Finanzmärkten erkannt worden, weshalb sich die Kurse in China in den vergangenen Jahren eher schwach entwickelt haben“, so Janis Hübner, Asien-Experte der Deka. Der Volkswirt erwartet denn auch 2022 „ein schwieriges Jahr“ – Bewertungsniveaus und Entwicklung der Unternehmensgewinne würden aber auch dafür sprechen, „dass sich am chinesischen Aktienmarkt Möglichkeiten ergeben”. Die Schwäche werde nicht von Dauer sein – nach schwierigen Monaten dürften sich die Wachstumsaussichten der Firmen gerade in China selbst wieder erhöhen. Mit Fonds wie dem Deka-Global Convergence Aktien könnten Anlegerinnen und Anleger daran teilhaben. Wertpapiere wie Aktien und Fonds unterliegen aber auch dem Risiko von Wertverlusten.

Null-Covid-Kurs belastet die Weltwirtschaft

Chinas Volkswirtschaft muss für neuen Schwung vor allem gegen drei Wachstumshemmer ankämpfen: den strauchelnden Immobiliensektor, einen vorhersehbaren Rückgang bei den Exporten in Industrieländer und die steigenden Kosten seiner rigorosen Null-Covid-Strategie. Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert das Land bereits zu einem Kurswechsel auf, weil Lockdowns ganzer Millionen-Städte die eigene und die Weltwirtschaft beuteln. „Die Produktion wird dann meist runtergefahren, LKWs kommen nicht mehr rein oder raus und Mitarbeiter nicht zur Arbeit", erklärt Jens Hildebrandt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer in China. Die Folgen sind überall in der Welt seit Monaten live zu verfolgen: Produktionsprobleme, Lieferverzögerungen, steigende Preise und dadurch erhöhte Inflationsraten rund um den Globus.

Foto: dpa

Inlandsreisen wieder erlaubt: China kämpft gegen die Konjunkturschwäche

Bis zum Ende auch der Paralympics – und der Abreise aller ausländischen Besucher – ist Abschottung noch alternativlose Linie der Politik. Erst Mitte Februar wurde wieder mit der südwestchinesischen Stadt Baise eine Millionenmetropole abgeschottet. Doch zugleich haben die Behörden seit Beginn des neuen „Jahres des Tigers“ Anfang Februar wieder Millionen Chinesen Inlandsreisen erlaubt. Dahinter steckt ein strategisches Ziel, um die Konjunktur aus der Schwächephase zu befreien. Die Urlaube im Familienkreis sollen helfen, den erlahmten Konsum zu stimulieren – und auch die Zuversicht.

China wächst - aber langsamer

Grafik: KD1

Made in China als Immunisierungs-Booster

Ohnehin ist es erklärtes Ziel von Präsident Xi, statt möglichst hohem Wachstum um jeden Preis den Wohlstand im Inland zu stärken – und damit die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen aller Art. Ein Konjunkturprogramm, das auch deren Hersteller fördern wird. Dazu dient zugleich eine deutlich expansivere Geldpolitik. Schon seit Dezember pushen die Staatsplaner durch Infrastrukturinvestitionen und Zinssenkungen die Wirtschaft, weitere Förderungen sind angesagt.

Klares Ziel ist die gestärkte Binnennachfrage und eine Selbstversorgung des Landes aus heimischer Produktion; was im Effekt die Verdienstmöglichkeiten des chinesischen Normalbürgers fördert. Dahinter steckt das Programm „Made in China 2025“, mit dem Peking Technologieführer in ausgewählten Industriezweigen werden möchte. Milliarden für Forschung und Entwicklung, Bildung oder Staatsaufträge für Firmen aus Hightech, Autoindustrie oder Luftfahrt sind die Vehikel dazu.

So soll die Wirtschaft robuster gegen äußere Einflüsse werden. Und die gibt es ja zuhauf: Der Handelskonflikt mit den USA dauert an, wenn auch in moderaterem Ton. Drohende Boykotte wegen der Menschenrechtslage in Hongkong oder dem Gebiet der Uiguren könnten den Handel weiter erschweren – und auch Widerstand gegen chinesische Technologie wie beim 5G-Ausbau hemmt die Expansion der Unternehmen. Die verstärkte Konzentration auf Geschäfte im eigenen Land bedeutet indes noch lange kein Abflauen des China-Booms für Firmen aus den Industrieländern, sagt Deka-Experte Hübner. Denn das Land hat mehr Einwohner als Europa, die USA und Japan zusammen – und bei anziehender Konjunktur und verstärktem Fokus auf das Binnenwachstum bietet sich für diese Firmen noch gewaltiges Potenzial.

Der nächste Smart ist Made in China

Andreas Feege, China-Experte bei der Unternehmensberatung KPMG, lobt zudem, dass „einzelne, bislang abgeschottete Sektoren für ausländische Direktinvestitionen geöffnet werden.“ Anträge dafür werden einfacher, Genehmigungen kommen schneller, so Feege. Auch die grenzüberschreitende Finanzierung wird erleichtert, Verstöße gegen das geistige Eigentum sind besser einklagbar und werden schärfer geahndet. „Vielversprechend sind nicht zuletzt die neuen, mit Steuervorteilen gespickten Sonderwirtschaftszonen für grenzüberschreitenden e-Commerce“, erläutert der KPMG-Fachmann.

Foto: dpa

Made in China: Bei Elektroautos ist die heimische Marke Geely sehr begehrt

Bei der Digitalisierung ist das Land bekanntlich ohnehin schon deutlich weiter als etwa Europa. „In China entstandene Produkt ideen werden immer häufiger zugleich im Rest der Welt Entwicklungen vorantreiben“, sagt Deka-Volkswirt Hübner. „Über Entwicklungszentren vor Ort, Kooperationen oder Übernahmen können Unternehmen außerhalb Chinas auch direkt vom wachsenden Know-How profitieren.“

So haben etwa fast alle großen Unternehmen des Westens längst Design- und Entwicklungszentren im Reich der Mitte – und kreieren mit lokalen Mitarbeitenden auch Produkte für den Weltmarkt. Vermutlich deshalb ist beispielsweise eine kommende Neuerscheinung der Mercedes-Tochtermarke Smart „Made in China“: Bei Elektroautos für den Massenmarkt hat Partner Geely einfach viel mehr Erfahrung, und der Preis des kleinen SUV dürfte günstiger sein als bei der Herstellung in Europa.

Foto: Reuters

Nicht nur Exporte: China produziert mehr Waren für die eigene Bevölkerung

Umgekehrt gilt laut Hübner für die westlichen Firmen: „Bislang bestehende Wettbewerbsvorteile dürfen nicht als selbstverständlich genommen werden.“ In einigen Marktsegmenten werde zudem das Wachstum bei weitem nicht mehr so dynamisch sein wie in der Vergangenheit – weil chinesische Marken wie Nio, Xiaomi oder Foxconn auch im hochpreisigen Segment eine größere Rolle spielen: „Es lohnt sich aber dennoch auf jeden Fall, chinesische Aktien im Blick zu haben.“ Hübners Kollege Gero Stöckle investiert als Fondsmanager des Deka-Global ConvergenceAktien „rund 80 Prozent meiner Arbeit darin, innovative Firmen aller Größen aus ganz Asien für den Fonds zu finden.” Oft sind dies Partner oder Dienstleister etablierter Konzerne aus klassischen Industrieländern. Denn von der globalen Zusammenarbeit seit Jahrzehnten profitieren im Idealfall beide Seiten.

Zusammen für mehr Nachhaltigkeit

Nach einer aktuellen Umfrage des Mercator Institute for China Studies unter weltweit 850 China-Beobachterinnen und -Beobachtern erwartet denn eine deutliche Mehrheit insbesondere im Bereich der sogenannten grünen Technologien in den Handels-, Investitions- und Forschungsbeziehungen mehr Zusammenarbeit. Die Verpflichtung Chinas auf die Pariser Klimaziele und ein CO2-neutrales Wirtschaften bis 2060 schaffen eine gemeinsame Wellenlänge. In sicherheitsrelevanteren Bereichen wie Halbleiter, Chips und 5G rechnen die meisten indes mit einem Rückgang der Kooperation.

Da geht die harte Konkurrenz ganz so zu wie bei den Olympischen und Paralympischen Spielen, die in diesen Tagen noch das Straßenbild in Peking bestimmen – obwohl dort groß das Motto plakatiert ist: „Zusammen für eine gemeinsame Zukunft”.

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