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11.04.2022

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4 Min.

"Wir könnten die tiefsten Kurse gesehen haben"

Text:

Ein Ende im Ukraine-Krieg ist nicht absehbar. Auch die langfristigen Folgen für die Wirtschaft sind schwer abzuschätzen, die jüngsten Konjunkturdaten zeigen aber erste Warnsignale. fondsmagazin sprach mit Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater über aktuelle Veränderungen bei Inflation, Zinsen, Politik und Notenbanken.

Der Krieg in der Ukraine ist eine humanitäre Katastrophe. Das erschüttert auch die deutsche Wirtschaft, die in vielfältiger Weise vom Krieg selbst und seinen Folgen betroffen ist. Was bedeutet die russische Invasion für die Wirtschaft und die Märkte?

Durch die gestörten Lieferketten, niedrige Lagerhaltung und hohe Rohstoffpreise trifft diese militärische Auseinandersetzung auf eine schon durch Corona geschwächte Angebotsseite. Welt weit sind Deutschland und Euroland im Fokus, die USA und Asien sind dagegen weniger betroffen – aber auch für diese Länder haben sich die Rohölpreise verdoppelt. Der wirtschaftliche Schaden für die europäischen Volkswirtschaften wird erst in den kommen den Wochen/Monaten richtig abzuschätzen sein.

Die ersten Konjunkturindikatoren nach Kriegsausbruch spiegeln die Verunsicherung der Marktteilnehmer. In der aktuellen ZEW-Umfrage sind die Erwartungen so stark gefallen wie noch nie, der jüngste ifo-Geschäftsklimaindex zeigt einen rasanten Abwärtstrend. Sie haben diese Entwicklung antizipiert und schon frühzeitig eine deutliche Revision der Wachstumserwartung vorgenommen.

Ja. Wir rechnen in Deutschland im Jahr 2022 mit einer halbierten Wachstumsrate von 1,7 Prozent und im Euroraum mit 2,2 Prozent statt zuvor 4,2 Prozent.

Ist in diesem Szenario auch berücksichtigt, dass Russland keine Rohstoffe mehr liefert – sei es als Gegenboykott oder weil Deutschland oder die Eurozone sie nicht mehr abnimmt?

Dafür haben wir ein Risikoszenario erstellt. Der wirtschaftliche Schaden in Deutschland und Euroland wäre nochmals höher. Die Gefahr einer Stagnation oder Rezession in diesem Jahr kaum vermeidbar.

Die EZB ist aber noch zuversichtlich und rechnet in der Wachstums-Projektion von Mitte März mit 3,7 Prozent für Euroland.

Das halte ich für viel zu hoch. Allein die Inflationssteigerung reduziert die realen Einkommen der Konsumenten. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist zwar aus Coronazeiten her noch relativ stabil und es besteht Nachholbedarf, aber durch die Inflation bekommt sie einen Dämpfer. Noch sehr viel direkter und stärker als Preisanstiege wirken nicht vorhandene Vorprodukte auf die Wirtschaftsaktivität, denn ohne diese können Unternehmen nicht produzieren.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka

"Die Unternehmensgewinne bleiben aufwärtsgerichtet, gleiches gilt für den Konjunkturzyklus"

Sie sprechen Rohstoffe wie Metalle oder Vorprodukte wie Kabelbäume für Autos an, die für die Produktion fehlen?

Das ist ein Aspekt. Außerdem machen hohe Rohstoffpreise einige Produktionen unrentabel, bestehende Aufträge werden abgelehnt. Metalle, wie für die Aluminiumproduktion, oder auch viele Chemie- und Agrarproduktionen, etwa Dünger, fallen hierunter.

Es wird oft von einer Lohn-Preis-Spirale gesprochen: Sehen Sie die Gefahr, dass die Löhne stark steigen und dadurch die Inflation weiter angeheizt wird?

Die Inflationsraten im Euroraum werden in 2022 noch auf über 7 Prozent steigen, für das Gesamtjahr rechnen wir nun mit gut 6 Prozent. Grundsätzlich müssen die Kosten der Krise von allen getragen werden. Eine Hauptlast liegt auf den Schultern der Arbeitnehmer, weil nicht die gesamte Inflation dieses Jahres in den Löhnen ausgeglichen werden kann. Aber es ist das gute Recht der Gewerkschaften, einen vollen Inflationsausgleich zu verlangen – auch wenn sich in realer Rechnung dadurch die Einkommen nicht wirklich steigern lassen. Das Problem: Übersteigt durch zu hohe Lohnsteigerung weiterhin die Nachfrage das Angebot, dann steigen die Preise weiter – und die gerade neu verhandelten Einkommen werden wieder entwertet. Dann haben wir die Preis-Lohn-Spirale, die nur durch die Notenbank unterbrochen werden kann. Allerdings zahlen wir dann den Preis einer Rezession wie in den 1970er-Jahren. Ich glaube aber nicht, dass es so schlimm wird: Die Gewerkschaften verfolgen heute eine viel verantwortungsvollere und weiter nach vorn blickende Strategie.

In den USA ist die erste Zinserhöhung erfolgt, während die EZB noch abwartet. Welche Folgen hat dies für die Märkte?

Die Lehre aus der Zeit der Stagflation lautet, dass die Inflationsbekämpfung umso mehr Kosten verursacht, je länger sie hinausgezögert wird. Die US-Notenbank beherzigt diese Erfahrungen gerade, indem sie sich der im Vergleich zum Euroraum noch höheren Inflationsdynamik entgegenstemmt. Die EZB sollte grundsätzlich der gleichen Philosophie folgen, in dem für den Euroraum angemessenen Ausmaß. Das bedeutet erst mal Kursverluste bei Anleihen, die kämen aber auch, wenn die Notenbank nichts tun würde – nur noch schlimmer.

Die Finanzmärkte sind verständlicherweise weiterhin sehr nervös. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Mit dem Einmarsch der Russen in die Ukraine hat sich die Risikoaversion noch deutlich verstärkt, die ohnehin durch hohe Inflationsraten und Zinssteigerungen geprägt war. Im Hauptszenario, in dem die Sanktionen nicht mehr weiter eskalieren, könnten wir die tiefsten Kurse bereits gesehen haben. Im Risikoszenario von weiteren Embargos oder Lieferstopps sehen wir eine Untergrenze beim Dax von 11.500 bis 12.000 Punkten. Kursverluste hierüber hinaus erwarten wir in einem – nach unserer Auffassung sehr unwahrscheinlichen – Fall der Verwicklung von NATO-Ländern in die militärischen Auseinandersetzungen.

Gibt es auch Hoffnung?

Mittelfristig sollte man die Anpassungsfähigkeit und die Innovationskraft des Unternehmenssektors nicht unterschätzen. Die Gewinne bleiben aufwärtsgerichtet, Gleiches gilt für den Konjunkturzyklus, der grundsätzlich intakt ist. Daher könnte der DAX Ende 2022 wieder in die Nähe der Jahresanfangskurse gelangen.

Demnach fällt Ihr Fazit nicht so negativ aus.

Die gegenwärtigen Probleme in der Weltwirtschaft sind wohl vor übergehender Natur. Sehr problematisch ist die Energieversorgung Europas, dies ist eine Aufgabe der Politik. Ansonsten kann auch von einer neuen Bundesregierung eine relativ aktive Rolle der Fiskalpolitik mit hohen Investitionen in Infrastruktur und Klimapolitik erwartet werden. Und die Notenbanken müssen den Gefahren einer Verstetigung der Inflation entgegentreten.

 

Was bedeutet eigentlich?

=> Stagnation: Ein zeitlicher Abschnitt der Konjunktur, in dem sich die Produktion oder das Wirtschaftswachstum verlangsamt oder ins Stocken gerät.

=> Stagflation: Ist gekennzeichnet durch das Zusammentreffen einer Wachstumspause (Stagnation) und nachhaltiger Kaufkraftverluste des Geldes (Inflation).

=> Rezession: Im Gegensatz zum Aufschwung gehen hier Beschäftigung und Investitionen zurück. Der Konsum lahmt, die Wirtschaft schrumpft.

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Herausgeber: DekaBank, Mainzer Landstraße 16, 60325 Frankfurt am Main, www.dekabank.de

Chefredakteur: Olivier Löffler (V. i. S. d. P.)

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Redaktion: Therese Dressel, Pamela Kapfenstein, Annekatrin Lacroix, Michael Merklinger, Diana Pfordte, Robert Thiel, Peter Weißenberg

Grafik/Infografiken: KD1 Designagentur, Köln

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