Stand: 16.03.2026
Aktuelle Markteinschätzung zum Krieg im Nahen Osten.
Straße von Hormus weiterhin faktisch gesperrt.
Die Kampfhandlungen im Nahen Osten dauern nun schon seit Ende Februar an. Die Ernennung von Modschtaba Khamenei, dem Sohn des getöteten Ali Khamenei, zum neuen geistlichen Führer unterstreicht, dass in Iran die Hardliner weiterhin die Richtung vorgeben. Zwar ist das militärische Potenzial Irans durch die Luftangriffe der USA und Israels massiv geschwächt, doch bleibt der Iran eine Bedrohung für die arabischen Nachbarn.
Bis auf einzelne Ausnahmen ist es durch den Krieg bisher zu keinen nennenswerten Ausfällen bei der Öl- und Gasinfrastruktur im Nahen Osten gekommen. Doch der Schiffsverkehr im Persischen Golf, durch den vor dem Krieg rund 20 % des globalen Öl- und Flüssiggasangebots verschifft wurden, ist massiv gestört. Aufgrund der Bedrohung durch iranische Drohnen wagen nur wenige Schiffe die Durchfahrt durch die Meerenge der Straße von Hormus. Zwar verfügen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate über Pipelines, um einen Teil der Öllieferungen zu Häfen außerhalb des Persischen Golfs umzuleiten, doch kann hiervon nur etwa ein Viertel des Gesamtvolumens an Öllieferungen, die zuvor die Straße von Hormus passiert hatten, zu den Abnehmern gebracht werden. Die USA und ihre Partner arbeiten an der Vorbereitung von Konvoizügen, um die Durchfahrt für Handelsschiffe wieder zu ermöglichen. Für die Umsetzung dieser Pläne sind gegenwärtig jedoch nicht ausreichend Kriegsschiffe verfügbar. Sollte der Iran seine Drohung wahrmachen und in größerer Zahl Seeminen ausbringen, würde sich die Phase bis zu einer Normalisierung des Schiffsverkehrs nochmals verzögern. Bei unserer ursprünglichen Annahme über die Dauer der Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs hatten wir einen recht schnellen Beginn des Konvoiverkehrs unterstellt und dabei die hierfür notwendigen logistischen Herausforderungen unterschätzt.
Störung des globalen Ölmarkts dauert weitere vier bis acht Wochen an.
Hauptszenario (70 % Eintrittswahrscheinlichkeit).
In unserem Hauptszenario gelingt es innerhalb von vier bis acht Wochen, die sichere Durchfahrt durch die Straße von Hormus wieder so vielen Schiffen zu ermöglichen, dass sich der globale Ölmarkt allmählich normalisiert. In diesem Szenario wird es dem Iran weiterhin nicht gelingen, Ölförder- oder -exportanlagen in größerem Umfang zu zerstören.
Länger anhaltende Bedrohung oder weitere Eskalation.
Negativszenario (15 % Eintrittswahrscheinlichkeit).
Im Negativszenario gelingt es auch nach acht Wochen nicht, für eine Normalisierung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus zu sorgen. Größere Militärschläge Irans gegen die Öl- oder Gasförderkapazitäten der arabischen Nachbarn sind ebenfalls Teil des Negativszenarios.
Schnelle Deeskalation.
Positivszenario (15 % Eintrittswahrscheinlichkeit).
Vor einer Woche hatte US-Präsident Donald Trump erklärt, die militärischen Ziele seien weitgehend erreicht, und der Krieg werde bald beendet. Wie alle Aussagen Trumps ist auch diese mit Vorsicht zu genießen, zudem ist hier Irans Deeskalationsbereitschaft von Bedeutung. Sollten beide Seiten die Aggression einstellen, würde sich die Lage am Ölmarkt schnell entspannen. Ebenfalls zum ökonomischen Positivszenario zählt die Möglichkeit eines schnellen Zusammenbruchs des iranischen Regimes. Dazu könnte es kommen, wenn im Fall neuer Massenproteste die Sicherheitskräfte nicht mehr bereit wären, die Proteste ähnlich wie im Januar mit großer Gewalt niederzuschlagen.
Kapitalmarktreaktionen.
Die mit Abstand stärksten Bewegungen an den Finanzmärkten sind weiterhin am Öl- und am Gasmarkt zu beobachten. Der Preis für Brent bewegt sich im Bereich von 100 US-Dollar je Fass und höher. Der europäische Gaspreis hat sich relativ zum Jahresanfangsniveau kurzzeitig sogar verdoppelt. Die Energiepreise spiegeln nach wie vor die Erwartung einer begrenzten und vorübergehenden Unterbrechung der Lieferungen wider. Bei einem Einpreisen des Negativszenarios mit strukturellen oder längerfristigen Versorgungsengpässen wären nochmals spürbar höhere Preise zu erwarten.
Die „sicheren Häfen“ Gold, US-Anleihen und Bunds können von der Unsicherheit nicht profitieren. Der Goldpreis bewegt sich seit Anfang März seitwärts bei etwa 5.000 US-Dollar je Feinunze, und die Kurse von deutschen und US-Staatsanleihen geben vor allem wegen der aufkommenden Inflationsängste nach.
An den Devisenmärkten ist eine moderate Aufwertung des US Dollar zu beobachten. Der Schweizer Franken erreichte zwischenzeitlich zum Euro ein neues Rekordhoch.
Die Aktienmärkte reagieren in der Summe mit nur moderaten Gewinnmitnahmen. Während die europäischen und asiatischen Aktien etwas stärker unter Abgabedruck geraten, halten sich die Reaktionen in den USA in engen Grenzen. In Deutschland beheimatete Anleger mit einem global ausgerichteten Aktienportfolio spüren den Krieg in ihrem Depot bislang kaum. Das liegt neben den moderaten Kursreaktionen auch an der Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar. Angesichts der jetzt für länger erwarteten Störung der Energie-Logistikketten können die Aktienmärkte aber jederzeit deutlich nervöser werden. Anleger mit Sorge vor dem Negativszenario können bestehende Portfolios mit zusätzlichen Absicherungen versehen, um im Fall eines zwischenzeitlichen Kurssturzes die negativen Auswirkungen abzufedern. So ist es möglich, im Fall einer positiven Überraschung an der resultierenden konstruktiven Aktienmarktentwicklung partizipieren.
Fazit.
Wir gehen weiterhin von einem zeitlich und räumlich begrenzten Militärkonflikt aus, der weltwirtschaftlich kaum dauerhafte Auswirkungen mit sich bringt. Gegenwärtig gibt es wenig Anzeichen dafür, dass sich das Risikoszenario materialisieren würde. Eine Anpassung von Anlagestrategien ist weder strategisch-längerfristig noch taktisch-kurzfristig angeraten. Insbesondere Aktien-Sparpläne sollten fortgeführt werden. Allerdings ist die Risikoeinschätzung des Angriffs auf den Iran angesichts der Dimension des Militäreinsatzes und der generell fragilen Lage im Nahen Osten fortlaufend zu überprüfen. Eine intensive Beobachtung der Lage bleibt notwendig.
