16.12.2021

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Ein Jahr der Weichensteller

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Die Krisen haben die Welt im Griff. Doch der Blick geht voraus: Experten erläutern, was 2022 für Anlegerinnen und Anleger, wirtschaftlich Verantwortliche und das politische Leben bietet.

Detlef Scheele ist für drei Dinge bekannt: Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit gilt als sachlicher Analytiker, neigt nicht zu düsteren Prognosen – und ist keiner, der sich mit markigen Worten in die Tagespolitik einmischt. Von daher ist es schon überraschend, dass Scheele die neue Bundesregierung zum Amtsantritt verbal vor sich hertreibt: „Meine Bitte ist einfach, dass ein Impfpflicht-Gesetz fertig in der Schublade liegt“, sagt der Behördenchef. Sonst werde die Corona-Pandemie das Jahr 2022 gerade für geringer qualifizierte Jobsuchende komplizieren, weil etwa Restaurants, Veranstaltungsbranche oder Hotellerie eine Dauer-Lockdownschleife drohe. Das würde die Rückkehr zur Normalität deutlich erschweren – selbst wenn keine Omikron-Variante über Deutschland fegt.

Scheele ist mit seinen Bedenken nicht allein. Auch die Volkswirte der Deka sehen die gegenwärtige pandemische Lage als größten Unsicherheitsfaktor vor dem Start ins Jahr 2022. „Wir haben deshalb unser Szenario für die Marktentwicklung an die aktuelle Lage angepasst”, erklärt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Fondsgesellschaft. Schließlich ist bereits das letzte Quartal 2021 durch die vierte Welle verhagelt worden. Neben ihrem Hauptszenario eines abflauenden Corona-Einflusses haben die Prognostiker darum auch ein Alternativszenario durchgerechnet. 

Würde die Pandemie durch Omikron weiter angefacht, könnte sie anders als bisher prognostiziert auch das erste Vierteljahr prägen – und das Gesamtjahr 2022 belasten. Statt 3,7 Prozent Wachstum würde es dann auf ein Minus von 1,1 Prozent in Deutschland hinauslaufen – und erst im Folgejahr mit 6,7 Prozent Wachstum wieder die Erholung einsetzen. 

Das Erholungs-V ist 2022 weltweit erreicht

Wahrscheinlicher ist es, dass die Wirtschaft weltweit in allen Regionen 2022 wieder auf dem Wachstumspfad voranschreitet, wie er ohne Corona zu diesem Zeitpunkt auch erreicht worden wäre. Ein Comeback im Turbo-Tempo: Die Wachstumszahlen der Unternehmen sehen sogar noch besser aus als vor einem Jahr von den meisten Beobachtern erwartet – gerade in Europa. Das ist eine gute Startbasis für 2022. Die Weltwirtschaft wird mit größter Wahrscheinlichkeit dynamisch wachsen, so die Experten.

 „Die V-förmige Erholung ist intakt, der ursprüngliche Wachstumspfad der Weltwirtschaft bereits wieder erreicht“, analysiert Schallmayer. Und er erklärt auch, warum: Die Nachfrage der Kunden sei nach dem zurückhaltenden Konsum im Jahr 2020 immer noch extrem hoch, dazu komme eine aus Produzentensicht sehr  gute Preisentwicklung. Und drittens sind die Auftragsbücher prall gefüllt. „Die Impulse kommen vor allem von den ausländischen Absatzmärkten“, sagt etwa Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien. Ein Pluspunkt für den Exportmeister Deutschland. 

Realzinsfalle: Rendite-Renner Dividende

Steigende Preise, höhere Löhne und ein Rentenplus – das hat allerdings seine Schattenseiten: eine Spirale der Inflation. Die Geldentwertung wird auch 2022 ein prägender Begleiter der Konjunktur sein. Die Europäische Zentralbank (EZB) etwa strebt auf mittlere Sicht knapp unter zwei Prozent Inflation als Idealwert für den Euro-Raum an. Zu hohe Dauerwerte über dieser magischen Schwelle bekämpfen, ohne dabei die Konjunktur zu beeinträchtigen: Da ist Fingerspitzengefühl der Notenbanker gefragt.  

Die Welt steht so vor einem Jahr der Weichenstellungen durch EZB, US-Zentralbank Fed und Co. US-Notenbankchef Jerome Powell kündigt bereits an: Wenn sich die Wirtschaft weiter erhole, „könnte eine Drosselung der Anleihekäufe bald angemessen sein“. Der Fed-Chef bereitet die Investoren zudem darauf vor, dass die Fed die Leitzinsen behutsam anheben könnte.

Anlegerinnen und Anleger rund um den Globus beobachten dabei genau, was die Notenbanker tun. „2022 wird sich zeigen, ob der Glaube an eine vorübergehende Inflation intakt ist – oder doch erste energische Reaktionen auf eine Preissteigerung nötig sind, die sich nicht wieder von selbst beruhigt“, so Schallmayer. Danach richte sich, wie stark die Weiche gestellt werde. 

Viel mehr Inflation als Zinsen

Eines ist klar: Die Inflation ist zurück – aber nach dem deutlichen Prozentplus rund um die Jahreswende wird sie nach allen Prognosen dann doch maßvoller ausfallen. Für 2022 erwarten die Deka-Volkswirte für Euroland eine Inflationsrate von 2,6 Prozent (Deutschland: 3,5) und 2023 von 1,5 Prozent (Deutschland: 1,7).

Allerdings bei zugleich anhaltenden oder nur marginal steigenden Niedrigzinsen. Die Folgen für Anlegerinnen und Anleger: Wer sein Vermögen in Staatsanleihen oder kurzfristige Festgelder investiert, wird auch 2022 in eine tiefe Realzinsfalle tappen.

Daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern, selbst wenn die Notenbanker in Trippelschrittchen die Leitzinsen von der Nulllinie anheben. Denn die Inflation ist dann immer noch deutlich höher als durchschnittlich auf Staatsanleihen gezahlte Zinsen. Aktienkurse hingegen können auch durch Phasen anhaltender Leitzinserhöhungen solide hindurchkommen, wie historische Betrachtungen der Deka-Volkswirte eindeutig belegen. Das liegt zum einen daran, dass die Märkte Leitzinserhöhungen mit Augenmaß zumeist in ihre Kurse eingepreist haben. Außerdem gibt es solche Zinserhöhungen häufig gerade dann, wenn auch eine gute Konjunkturphase ansteht, wie es für 2022 und das Folgejahr prognostiziert ist. 

KGV-Vergleich: Bewertung vor Corona und heute

Die meisten Marktbeobachter rechnen daher wie auch die Deka-Experten damit, dass die Dividenden vor einer Rekordsaison in Deutschland stehen – und auch weltweit hoch bleiben. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist in den meisten Regionen der Welt – ausgenommen die USA – sogar günstiger als vor der Krise. 

Europa mit guter Wachstumsdynamik

Global gesehen haben im Jahr 2022 alle Regionen gute Chancen, weiter zu wachsen. Und das sogar mit einer ausgeglicheneren Dynamik als noch in früheren Jahren. Denn in China hemmen die Immobilienkrise und der harsche Covid-Lockdown das Wachstum; dennoch liegt es prozentual immer noch deutlich über dem in USA oder Euroland.

In den USA müssen wegfallende Staatshilfe-Effekte durch einen stärkeren Jobzuwachs kompensiert werden. „Das sollte gelingen” ist Schallmayer aber angesichts der Prognosen vom US-Arbeitsmarkt optimistisch. Und Europa habe ohnehin positiv überrascht. Gerade in Frankreich sei der Aufholprozess gegenüber dem Jahr vor Corona deutlich schneller gelungen als von den meisten Experten erwartet.

Auch 2022 wird ein Aktien-Jahr

Daraus resultieren für Anlegerinnen und Anleger klare Empfehlungen. Die Ausgangslage für Staatsanleihen bleibt schlecht: Die nominale Verzinsung ist auch auf absehbare Zeit kaum vorhanden, bisher haben lediglich Preisbewegungen die Kurse und damit auch die Renditen bewegt. Jetzt aber werden die Unterstützungen durch Anleihekäufe in aller Welt zurückgefahren. Ab Frühjahr etwa fehlen die Abnahmegarantien seitens der EZB. Der Effekt: Das Risiko wird größer, und das bei abnehmenden Ertragserwartungen.

Bei den Unternehmensanleihen sind die Aussichten dagegen gemischt, so Schallmayer: Denn einerseits sind die Firmen durch einen eventuellen Zinsanstieg belastet, andererseits sorgt die gute Konjunktur dafür, dass die Ausfallraten bei Unternehmensanleihen niedriger sind – was die Kurse dieser Papiere stützt.

Anlegers Liebling dagegen bleiben auch 2022 ganz klar Aktien: Sie sind fundamental gut unterstützt durch die Unternehmensentwicklungen. Zudem sind die Bewertungen meistens noch günstiger als vor der Krise. Drittes Plus: Steigende Gewinne und Dividendenausschüttungen bei normalen Ausschüttungsquoten sorgen für eine hohe Dividendenkontinuität. Damit bleibt die Dividende ein wesentlicher Baustein des Gesamtertrags von Aktienanlagen. Beim Dax etwa wird allein dieser Anteil im Jahr 2022 über der erwarteten Inflationsrate liegen.

Absehbare Herausforderungen für die Wirtschaft stellen auch 2022 die Megatrends für Nachhaltigkeit, Digitalisierung und die neue globale Arbeitsteilung dar. Darauf richten sich auch die Fondsmanagerinnen und Fondsmanager der Deka ein, wie Ralf Dietl, Head of European Equities bei der Deka Investment, betont. 

Dabei bleiben die Bedingungen für Investitionen in Sachwerte ungebrochen sehr gut – die Aussichten chancenreich. In den Kursschwankungen der vergangenen Wochen sehen viele professionelle Anleger darum durchaus auch Chancen zum Einstieg in die Investition in Unternehmenspapiere. Diese unverändert hohe Attraktivität der Sachwerte wird auch 2022 freundliche Aussichten an den Börsen zur Folge haben. So erwarten die Experten der Deka für den DAX am nächsten Jahresende einen Stand von 17.500 – noch mehr als der Endstand 2020. 

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