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23.12.2022

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7 Min.

„'Home-Office' kann auch 'Office home' sein"

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Acht Milliarden leben nach Schätzung der UN seit Mitte November 2022 auf der Erde. Sven Thorissen, Direktor beim Architekturbüro MVRDV in Rotterdam und Juryvorsitzender des Internationalen Hochhauspreises (IHP), erläutert im Gespräch mit fondsmagazin, wie zusätzlicher Wohnraum durch Hochhäuser entsteht und welche Rolle nachhaltige und gesellschaftliche Aspekte spielen.

Herr Thorissen, die Weltbevölkerung wächst. Mehr als die Hälfte davon wohnt in Städten. In den dicht besiedelten Regionen Deutschlands können die Städte nicht endlos in die Breite wachsen. Ist die Nachverdichtung von Wohnraum in die Horizontale die Lösung?

In Westeuropa haben wir den Luxus, uns aussuchen zu können, wo wir wohnen möchten. Entweder im Hochhaus oder im freistehenden Einfamilienhaus auf dem Lande. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass die Wohnraumnutzung gerade in innerstädtischen Lagen zunehmen wird. Auf der anderen Seite gibt es Städte wie etwa die nigerianische Stadt Lagos, die zu einer Megacity im bevölkerungsreichsten Land des afrikanischen Kontinents heranwächst. Perspektivisch wird die Stadt bis zu 100 Millionen Einwohner beherbergen. Hier hat man nicht den Luxus, dass man sich aussuchen kann, wo man lebt. In Asien werden Millionenstädte aus dem Boden gestampft, wo kaum Büroflächen anzutreffen sind, sondern mehrheitlich gewohnt wird. Dort ist Landflucht ein Thema. Knapp 80 Prozent der höchsten Hochhäuser, die aktuell geplant oder gebaut werden, befinden sich laut der Non-Profit-Organisation „Council on Tall Buildings and Urban Habitat“ in China. Unter dem Strich ist es der weltweite Trend, dass es zu einer weiteren Wohnraumverdichtung in den Städten kommen und dementsprechend zu weiteren Entwicklungen im Hochbau kommen wird.

In der Vergangenheit mutierten Stadtteile mit vielen Hochhäusern an den Wochenenden zu Geisterstädten. Wie wichtig ist die Integration eines Hochhausprojektes in die Umgebung?

Gute Stadtplaner versuchen von sich aus, den Hochhausbau in das Stadtbild zu integrieren. In Rotterdam etwa hatte man beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt, im Stadtzentrum eine ausgeglichene Struktur zu schaffen. Nach 18 Uhr waren dann die Straßen wie leergefegt, da in den Hochhäusern hauptsächlich Büroflächen vorhanden waren. Das Wohnen wurde eher stiefmütterlich behandelt. Dies hat man bei der Stadtplanung Anfang der 2000er Jahre erkannt und stimuliert seitdem vornehmlich Wohnungsbau im Zentrum. Hochhäuser, die nur Arbeitsplätze beherbergen, sind der Tod einer jeden Innenstadt. Wohnen und die Verbindung in den öffentlichen Raum ist elementar.

Die Stadt Frankfurt schreibt zukünftig bei neuen Projekten die generelle öffentliche Nutzung in den Türmen vor, um die Akzeptanz der Bevölkerung zu steigern. Was steckt hinter solch einer Mischnutzung?  

Dem kann ich nur vollmundig zustimmen. Ein gutes Beispiel dafür ist unser kürzlich in Amsterdam fertiggestelltes Gebäude Valley. Dort beherbergt ein siebenstöckiger Sockelbau Büro-, Kultur- und Gewerbenutzungen. Aus dem Sockel wachsen drei bis zu 100 Meter hohe Türme empor, in denen sich 200 Wohnungen befinden. Auch wenn man im 25. Stock wohnt, hat man trotzdem eine sehr hohe, individuelle Wohnqualität inklusive eines attraktiven Außenraumes. Die öffentlich zugängliche Route, die Terrassen im 4. und 5. Obergeschoss erschließt, wird schon jetzt, kurz nach der Eröffnung, als Spazierweg und Verweilort in der Mittagspause genutzt. Die intensive Begrünung der Terrassenflächen schafft eine einmalige Aufenthaltsqualität bis in die obersten Geschosse. Bei der Wahl des Internationalen Hochhauspreises zeigen auch die Entwürfe der beiden Finalisten aus Vancouver und Sydney sehr stark, dass die Aufwertung städtischen Raumes in Form einer belebten Erdgeschosszone und einer daraus erwachsenden vertikalen Planung Hand in Hand gehen. Man sollte sich als Planer immer bewusst sein, welche Verantwortung man hat. Das Coronavirus hat uns vor Augen geführt, welche enorme Rolle etwa ein privater Außenraum und die Freiraumqualität des angrenzenden Stadtraumes hat. Von daher ist der Frankfurter Ansatz sehr zu begrüßen.

Foto: Adam Mork

Der Gewinner des Internationalen Hochhauspreises 2022: Der Quay Quarter Tower in Sydney. 

Was bedeutet das konkret für die Nutzung von Hochhäusern?

Eine „doppelte Nutzungsqualität“ von Flächen ist wichtig. „Home-Office“ kann auch „Office home“ sein. Die Räumlichkeiten müssen eine Qualität haben, dass man gerne ins Büro kommt. Also eine Diversifizierung der Nutzung. Diese ist nicht nur eine reine Arbeitsstätte, sondern tatsächlich auch von der Nutzbarkeit und Funktion ein essentieller Teil für die öffentliche Nutzung. Und damit ein lebendiger Teil des städtischen Kontexts. Hochhäuser dürfen nicht nur zugänglich für die Mieter und Nutzer sein, sondern auch für die Stadtgesellschaft. Dies erweitert die Akzeptanz und Bedeutung von Hochbauten in der Gesellschaft.

Sie erwähnten bereits den diesjährigen Gewinner des Internationen Hochhauspreises. Was ist so besonders an dem Quay Quarter Tower in Sydney?

Es ist eine außergewöhnliche Kombination aus Upcycling und Nachverdichtung in einer Zeit gestiegener ökologischer Herausforderungen. Ein Großteil des Rohbaus des bestehenden Hochhauses aus den 1970er-Jahren wurde nicht abgerissen, sondern in den Neubau integriert. Die Architekten von 3XN haben einen Entwurf entwickelt, der die Bruttogeschossfläche bei gleicher Grundfläche vergrößert und darüber hinaus nicht weitergenutzte Materialien im Bestandsbau wiederverwendet. Träger, Platten und Teile des Kerns wurden erneut verwendet, sodass über 12.000 Tonnen Kohlenstoff eingespart werden konnten – das entspricht dem CO2-Verbrauch von 8.800 Flügen zwischen Kopenhagen und Sydney.

Welche Rolle wird Nachhaltigkeit in Zukunft beim Hochhausbau spielen?

In der Bauindustrie werden generell sehr viele Materialen mit einem hohen CO2-Fußabdruck verbaut. Die Herstellung etwa von Beton ist sehr energieintensiv. Für die Zukunft der Architektur ist es enorm wichtig, sinnvoll mit Bestandsbauten und den darin verbauten Materialen umzugehen. Das ist ja in Sydney mit dem Erhalt von 60 Prozent des vorherigen Gebäudes wunderbar gelungen, und die nutzbare Fläche des Hauses konnte sogar verdoppelt werden. Die Umnutzungen von bestehenden Gebäuden ist ein wichtiger Faktor, aber auch eine passende Materialwahl für die verschiedenen Bauelemente Tragwerk, Fassade und Ausbau, die alle unterschiedlich lange Lebenszyklen haben. Das sind relevante Themen, der sich die Architektur stellen muss.

Aber lohnt sich eine Revitalisierung eines bestehenden Hochhauses überhaupt?

Einen großen Einfluss bei der Entscheidung hat die Kohlenstoffbesteuerung des Gebäudes. Das führt dazu, dass ein Neubau beziehunsweise eine Revitalisierung sich schneller rechnen wird. Des Weiteren legen auch die Investoren immer mehr Wert auf nachhaltige Gebäude, da sie damit eine höhere Rendite erzielen können. Das sind finanzielle Anreize, die schneller und effektiver greifen werden als Regulierung und Nachhaltigkeitsambitionen. Kurzum: CO2-Schleudern werden bestraft und nachhaltige Initiativen belohnt.

Foto: Ossip van Duivenbode

Das Valley in Amsterdam: Moderner Bau mit nachhaltiger Stadtentwicklung. 

Einer der Hauptbaustoffe im Hochhausbau ist ja Beton, der bei der Herstellung sehr viel CO2 freisetzt. Gibt es bald betonfreie Hochhäuser?

Eine Verdammung von Beton macht keinen Sinn. Gerade im Hochbau kommen wir nicht ohne diesen Baustoff aus. Das ist auch nicht weiter schlimm, da es ein sehr langlebiges Material ist. Beton kann ein Gebäude problemlos 100 Jahre stehen lassen. Allerdings erfordert der Einsatz von Beton eine sehr bewusste Entscheidung, in welchen Bereichen damit gearbeitet wird. Ein viel größeres Thema ist die generelle Wahl der verarbeiteten Baustoffe. Problematisch sind z.B. Kompositmaterialien, bei denen zwei oder mehrere unterschiedliche Baustoffe verklebt werden, die sich später nur sehr schwer zirkulär wiederverwerten lassen.

Was sind dann die Baustoffe der Zukunft?

Ein Thema sind sicherlich Holz-Hybrid-Konstruktionen, auch beim Hochbau. Da sind die Kollegen in Skandinavien schon sehr weit. Ob Holz im größeren Umfang auch bei Objekten über 100 Meter eingesetzt werden wird, kann ich nicht sagen. Ein bewussterer Umgang mit Materialen, eine bessere Lebenszyklusanalyse von Baustoffen - und das bereits in der Entwurfsphase - gewinnt an Bedeutung. Gewisse Entscheidungen werden ja bereits in der Planung für die nächsten 50 bis 75 Jahre Lebensdauer eines Gebäudes getroffen. Also welche Bauteile können einfacher ersetzt oder wiederverwertet werden. Der Innenausbau zum Beispiel wird in vielen Fällen schon nach 10 bis 15 Jahren angepasst. Gerade für diese Bauteile, die eine geringere Lebensdauer haben, müssen bewusste Entscheidungen bei der Auswahl getroffen werden.

Ein weiterer Punkt ist die Energieversorgung, die ja aktuell ein großes Problem darstellt. Ist es möglich, ein Hochhaus autark von externer Energieversorgung zu gestalten?

Smart Building ist hier das Stichwort, allerdings sehe ich Schwierigkeiten, ein Hochhaus komplett energie-autark zu planen. Natürlich kann Energie über Solarpanelen erzeugt werden und das Heizungs- und Wassermanagement optimiert werden. Nach heutigem Entwicklungsstand gehe ich allerdings davon aus, dass man im Hochhausbau bei der eigenen Energiegewinnung auf einen Prozentsatz von maximal 35 kommen wird.

1885 wurde in Chicago das erste moderne Hochhaus der Welt mit 42 Metern fertig gestellt. Mittlerweile steht in Dubai ein Gebäude mit 828 Metern. Wann ragt der erste Wolkenkratzer 1.000 Meter in den Himmel?

Die Menschheit ist so eingestellt, dass alles, was technisch machbar ist, auch irgendwann umgesetzt wird. Aktuell ist es ein Traum, ein Haus 1.000 Meter in die Höhe zu bauen. Irgendwann wird das realisiert, die Planung gibt es ja schon. Ob es erstrebenswert ist, sich den Titel „das höchste Hochhaus der Welt“ auf die Fahne zu schreiben, das ist eine andere Frage. Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll.

Große Bauwerke wurden und werden auch in Deutschland realisiert. Aber in den meisten Fällen sind die Baukosten aus dem Ruder gelaufen. Können die Kosten von Großprojekten überhaupt noch zielsicher vorhergesagt werden?

In einer globalisierten Wirtschaft wird es immer Entwicklungen geben, die nicht steuerbar oder vorherzusagen sind, die aber weitreichende Folgen für die Preisentwicklung von Baustoffen, Arbeitskräften oder Lieferketten haben. Wer hätte mit dem Ukraine-Krieg gerechnet oder mit der Corona-Pandemie? Da spielen viele Faktoren eine Rolle, und es liegt nicht ausschließlich in der Hand der Planer, ob die Baukosten im Rahmen bleiben oder nicht. Des Weiteren denke ich, dass eine eindimensionale Betrachtung von Baukosten im Hinblick auf Wertschöpfung ein unvollständiges Gesamtbild liefert. Fließt der Mehrwert eines Projektes wie Stuttgart 21 für die Förderung und Qualität des (nachhaltigen) Schienenverkehrs in solche Bewertungen ein? Wie wird der ikonische und mediale Wert der Elbphilharmonie (bei der die Frage gestellt werden darf, in wieweit das ursprüngliche Budget auf realistischen Annahmen beruhte) für die Stadt Hamburg und im Grunde für den ganzen norddeutschen Raum bewertet? Insofern ist es immer die Frage: Welchen Wert kreiert man und welcher Wert steht dem gegenüber?

"Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll"

Sven Thorissen, ist Direktor des Architekturbüros MVRDV in Rotterdam sowie Juryvorsitzender des Internationalen Hochhauspreises (IHP). Foto: Otto Snoek

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Hochhausbaus?

Ich wünsche mir Gebäude, die vielschichtig und multicodiert sind und dementsprechend unterschiedlichen Nutzungen dienen. Sie sollten „porös“ und nicht hermetisch sein und damit lebendige Stadtbausteine, die eine Aufwertung der direkten Umgebung bedeuten. Sie sollten eine Strahlkraft besitzen, die Identität schafft und die die Bewohnerinnen und Bewohner sowie Nutzerinnen und Nutzer stolz und glücklich macht. Die Projekte Vancouver und Sydney haben es nicht ohne Grund nach ganz oben beim Internationen Hochhauspreis geschafft, da diese Projekte perfekt widerspiegeln, was man mit gut entworfenen Hochhäusern erreichen kann.

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