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19.12.2022

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5 Min.

2022 – das Jahr der neuen Realitäten

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Das Beste zum Schluss: Katers Jahr statt Katers Welt. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater schaut auf die wichtigsten Ereignisse im Börsenjahr 2022 zurück – und macht Hoffnung für die kommenden Monate.

Ulrich Kater ist kein Freund von übertriebenem Optimismus. Der Chefvolkswirt der Deka bevorzugt die nüchterne Analyse – und die macht Anlegerinnen und Anlegern Hoffnung für das anstehende Jahr. „Zurzeit deutet alles darauf hin, dass die Rezession sowohl in den USA als auch im Euroraum flach ausfällt und dass die Arbeitsmärkte wenig betroffen sein sollten“, fasst Kater seine vorsichtig positive Prognose für 2023 zusammen. „Die Rezession wird zur Jahresmitte überwunden sein und das Wachstum kehrt zurück.“ 

Nach den hohen Kursverlusten im zu Ende gehenden Börsenjahr 2022 wirkt die grundsätzlich frohe Botschaft Katers wie Balsam auf die Wunden der meisten Anlegerinnen und Anleger. „Wenn man überhaupt etwas Positives aus den dramatischen Marktbewegungen in diesem Jahr herausziehen möchte, dann, dass die Fehlentwicklungen und Übertreibungen in der Geld­politik der vergangenen Jahre in einem Rutsch korrigiert worden sind“, betrachtet er die Situation pragmatisch. „Ohne die Energiekrise hätte die Inflation in der Öffentlichkeit nicht so viel Aufmerksamkeit erzielt, und es ist fraglich, ob die Notenbanken das geldpolitische Ruder so entschlossen herumgerissen hätten, wie es in diesem Jahr geschehen ist.“ Schauen wir uns 2022 noch einmal genauer an.

Krieg und Inflation sorgen für eine Zeitenwende

Alle Fotos: dpa/Picture Alliance

Deutschland schaltet ab: Um das Einsparziel von 20 Prozent weniger Gasverbrauch zu erreichen, tappen wir im Dunkeln.

Trotz Impfkampagnen und angepasster Vakzine überrollt zum Jahreswechsel 2021/22 eine neue Coronainfektionswelle Europa und die USA. Viele Länder wie etwa Deutschland setzen erneut umfassende Schutzmaßnahmen in Gang. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 markiert dann eine Zäsur. Bundeskanzler Olaf Scholz ruft in einer viel beachteten Rede im Deutschen Bundestag eine „Zeitenwende“ aus – der Begriff wird von der Gesellschaft für deutsche Sprache sogar zum Wort des Jahres 2022 gekürt. „Ob sich diese Zeitenwende bewahrheitet, werden Historiker in einigen Jahren entscheiden“, mahnt Kater zur Nüchternheit. „Für die Weltwirtschaft als Ganzes setzten sich in diesem Jahr eher Trends fort, die bereits länger bestehen.“ Die Inflation zum Beispiel strebt zu diesem Zeitpunkt bereits seit Längerem nach oben. Allerdings sorgen vor allem in Europa die steigenden Preise für Öl und Gas für einen neuen Schub. Im Januar klettert die Preissteigerungsrate in der Eurozone über die 5-Prozent-Marke, im März dann ein Sprung auf 7,4 Prozent. Während die Europäische Zentralbank (EZB) zunächst abwartet, reagiert die US-Notenbank Fed. Sie erhöht ihren Leitzins um 0,25 Prozent – die erste Anhebung seit 2018. „Weitere Zinserhöhungen und der Energiepreisschock haben die Post-Corona-Erholung der Weltwirtschaft ausgebremst“, so Kater. „Aus einer Wachstumserwartung für die Weltwirtschaft im Jahr 2022 ist so eine Weltrezession im Winter geworden.“

Klarmachen zur Zinswende!

Die großen Notenbanken machen Ernst im Kampf gegen die Inflation. Mitte Juni läutet die EZB offiziell das Ende ihrer ultralockeren Geldpolitik ein und stellt die Märkte auf eine Zinswende ein. 

Fed-Chef Powell will hoch hinaus: Am 16.März erhöhte er die Leitzinsen.

Die Fed macht derweil Nägel mit Köpfen: Sie erhöht wenige Tage später ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf bis zu 1,75 Prozent – der größte Zinssprung seit 1994. „Die Notenbanken haben längere Zeit die Tragweite des aufkommenden Inflationsprozesses unterschätzt“, stellt Kater fest. „Sie haben sozusagen die erste Halbzeit verschlafen. Nun müssen sie in der zweiten umso entschlossener mit ihrer Geldpolitik zu Werke gehen, um nicht ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.“

Die Talfahrt der Kurse an den Aktienmärkten setzt sich diesseits und jenseits des Atlantiks fort. Schon die Halbjahresbilanz beim US-amerikanischen S&P 500, dem europäischen Euro Stoxx 50 und beim Dax fällt tiefrot aus. Erst Anfang Oktober finden die Kurse eine stabile Basis, die bislang trägt. 

Börsen in schwerer See

Nicht auf Vorrat backen: Lebensmittel wie Mehl wurden im April rationiert.

Auch Zinsanlegerinnen und -anlegern beschert der Kurswechsel der Notenbanken hohe Verluste. Der Bloomberg Barclays Global Aggregate Index, der die weltweite Entwicklung von Staats- und Unternehmensanleihen mit guter Bonität misst, ist seit Jahresanfang um 15 Prozent eingebrochen (Stand: 1. Dezember 2022). 

Die Straffung der Geldpolitik durch die Notenbanken zeigt Wirkung. Daten aus den USA und der Eurozone signalisieren: Auf Monatsbasis lässt die Dynamik der Preissteigerungsraten nach. „In den USA liegt der Hochpunkt der Teuerung bereits hinter uns“, ist sich Kater sicher. „Ende 2023 erwarten wir Inflationsraten im Euroraum, die wieder in der Größenordnung von 3 bis 4 Prozent liegen sollten.“

Die Situation beruhigt sich

Hoffnung macht Investorinnen und Investoren, dass die Weltkonjunktur im dritten Jahresquartal besser abgeschnitten hat als erwartet, auch wenn das Wachstum nur moderat ausgefallen ist. Dem Absturz der Tech-Aktien an der Börse folgt indes die Götterdämmerung im Silicon Valley. Ob Meta, Alphabet oder Amazon – viele große US-Technologiekonzerne kürzen ihre Wachstumsprognosen und bauen im großen Stil Personal ab. Einer, der dabei besonders rigoros voranschreitet: Elon Musk. Der Tesla-Chef übernimmt nach langer Hängepartie den Kurznachrichtendienst Twitter und startet danach einen chaotischen Schlingerkurs zwischen radikalem Neuanfang und der Ankündigung einer möglichen Pleite. 

Foto: Reuters

Kampf ums Klima: Das nächtliche zähe Ringen auf der UN-Konferenz ermüdet.

Schlechte Nachrichten gibt es auch beim Kampf gegen den Klimawandel: Die UN-Klimakonferenz im November in Scharm El-Scheich (Ägypten) geht nach zähem Ringen der Teilnehmernationen weitgehend ohne konkrete Zielvereinbarungen zu Ende. Derweil feiern fossile Brennstoffe angesichts der hohen Preise für Erdgas weltweit ein Comeback. China und Indien erklären, weitere Kohlekraftwerke bauen zu wollen. Weil der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland stockt und die Gaslieferungen aus Russland ausfallen, wird auch hierzulande der Anteil von Kohle bei der Stromerzeugung hochgefahren. Im Nachbarland Frankreich setzt die Regierung dagegen auf einen Ausbau der umstrittenen Atomkraft. Viele Meiler, die nun weiterlaufen, gelten jedoch als technisch marode. 

An seinem Kurs hält zunächst auch Xi Jinping fest. Der chinesische Staatspräsident wird auf dem Parteitag Ende Oktober für eine dritte Amtszeit bestätigt. Strenge Lockdowns infolge rekordhoher Neuinfektionen und die weiter fehlende Aussicht auf eine Versorgung mit Impfstoffen führen jedoch wenige Wochen später zu unerwartet deutlichen Bürgerprotesten im Reich der Mitte. Asiens größte Volkswirtschaft kommt mit ihrer Langfriststrategie nicht voran: eine Stärkung des Binnenkonsums gegenüber der bisherigen Dominanz der Bau- und Exportwirtschaft. „Dazu kommt der schwelende Konflikt mit Taiwan“, stellt Deka-Chefvolkswirt Kater fest.

Fazit

Rückblickend betrachtet könnte das Börsenjahr 2022 für An­legerinnen und Anleger sein Gutes gehabt haben. Durch die vorgenommenen Bewertungskorrekturen eröffnen sich nach Einschätzung von Ulrich Kater jedenfalls auch viele neue Chancen: „Nach den Preisanpassungen bietet das neue Zinsumfeld einen deutlich verbesserten Ertragsausblick an den Rentenmärkten“, macht er Anlegerinnen und Anlegern Hoffnung. Während der Crash an den Rentenmärkten alle bisherigen Vergleiche sprengte, fiel die Korrektur an den Aktienmärkten für ihn historisch gesehen nicht aus dem Rahmen. „2022 war kein gutes, aber eben auch kein katastrophales Aktienmarktjahr“, so Kater. Er sieht auch bei Dividendentiteln die deutlich zurückgenommenen Bewertungen als Schlüssel für den zukünftigen Anlageerfolg: „Legt man die historischen Maßstäbe an, signalisieren die aktuellen Bewertungen nach unseren Schätzungen Ertragsperspektiven im höheren einstelligen Prozentbereich pro Jahr über die kommenden zehn Jahre hinweg.“

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