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28.11.2022

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7 Min.

„Wege aus der Tretmühle des Glücks“

Text:

Die Konjunktur schwächelt, die weltpolitische Lage verunsichert und Inflation und Kursschwankungen beuteln die Geldbörse. Rauscht dabei auch das persönliche Glück in den Keller? Und wie sollten sich die Menschen nicht zuletzt finanziell aufstellen, um auch in stürmischen Zeiten zufrieden zu bleiben? Der Ökonom und Glücksforscher Mathias Binswanger gibt Antworten.

Als Ökonom legen Sie ja wahrscheinlich auch Geld für Ihre eigene Zukunftsvorsorge an – und gerade als Schweizer wie viele Ihrer Landsleute am Aktienmarkt. Da war 2022 bisher wahrscheinlich kein glückliches Jahr für Sie?

Das kann ich so nicht sagen. Die Kursbewegungen an den Börsen sind kein Maßstab für mein persönliches Glücksempfinden. 

Selbst, wenn es mal heftig schwankt?

Auch bei meinen Geldanlagen am Aktienmarkt ist es in diesem Jahr nicht gerade aufwärts gegangen. Aber ich bin ja schon etwas länger Anleger. Darum weiß ich: Es gibt bei dieser Form der Vermögensbildung eben immer Schwankungen. Und solange ich in so einem Jahr wie diesem nicht größere Aktienpakete oder Fonds verkaufen muss, habe ich ja auch gar keinen echten Verlust realisiert. Auf mein persönliches Glück hat das von daher wenig Einfluss. Ich habe ja im Leben höchstwahrscheinlich noch genug Zeit, damit sich solche Schwankungen wieder ausgleichen. 

Also legt auch ein Finanzökonom sein Geld eher langfristig und breit streuend an?

So ist es. Schon allein, weil ich sonst viel zu viel Zeit investieren müsste, um mich mit den Märkten und Unternehmen zu beschäftigen. Geldanlegen ist aber nicht mein Hobby. Da spiele ich lieber Vibrafon mit meinen Jazz-Freunden. Für mein Glück ist es deshalb viel wichtiger, im Vergleich zu den Vorjahren der Pandemie wieder normaler und freier zu leben. Eine solide finanzielle Basis ist dabei aber natürlich eine Voraussetzung, um manche Freiheiten auch nutzen zu können.

Die glücklichsten Länder der Welt

Grafik: KD 1

Deutsche und Schweizer zählen laut World Happiness Report der Vereinten Nationen zu den glücklichsten Menschen. Weil sie im globalen Maßstab so reich sind?

Das liegt zum Teil schon daran. Aber solche Indizes können das Phänomen Glück nie so ganz erklären. Gerade nach längerer Zeit im Ausland fällt einem die Schweiz nicht gerade dadurch auf, dass man auf der Straße lachenden und fröhlichen Menschen begegnet. Solche Rankings muss man deshalb mit einer gewissen Vorsicht interpretieren. 

Aber grundsätzlich macht Geld glücklich?

Ja, aber ab einer gewissen Grenze führen steigende durchschnittliche Einkommen in einer Gesellschaft nicht mehr zu höherem Glück. Das belegen empirische Studien deutlich. In hoch entwickelten Industriestaaten haben wir diese Grenze für die Mehrheit der Bevölkerung längst erreicht.

Klingt paradox.

Darum sprechen wir auch vom Easterlin-Paradox. Mit dieser Fragestellung hat sich nämlich schon vor mehr als 50 Jahren der US-Ökonom Richard Easterlin von der University of Southern California beschäftigt.

Was hat er festgestellt?

Dass prinzipiell in einem entwickelten Land die Zufriedenheit der einzelnen Menschen umso größer ist, je mehr Einkommen sie haben. 

Wohlhabende sind also innerhalb der Gesellschaft tendenziell glücklicher als weniger Wohlhabende?

Korrekt. Zugleich nimmt aber die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen in entwickelten Ländern längerfristig mit dem Wirtschaftswachstum nicht mehr zu. 

Auf diesem Paradox baut auch Ihr Bestseller „Die Tretmühlen des Glücks“ auf, in dem Sie Erklärungen für diesen empirischen Befund liefern.

Die stagnierende Lebenszufriedenheit einer Gesellschaft und tendenziell glücklichere Reiche als Ärmere, das ist in Wirklichkeit gar kein Widerspruch. Es geht um zwei unterschiedliche Sachverhalte: Die Zufriedenheit des einzelnen Menschen hängt entscheidend von seinem relativen Einkommen im Vergleich zu anderen ab. 

Sind also tendenziell alle unglücklich, wenn Sie immer nur danach schauen, was der andere mehr hat?

Ja. Relative Armut verschwindet praktisch nie. Die Menschen orientieren sich in ihrer Selbsteinschätzung stets an dem Wohlstand, der jeweils in einem Land von den Besserverdienenden vorgelebt wird. Und wenn man dabei nicht mithalten kann und sich einschränken muss, ist dies auch der Lebenszufriedenheit abträglich.

Foto: dpa/PictureAlliance

Monte Carlo: Auch eine zu kleine Jacht kann im Vergleich unglücklich machen.

Selbst großer Reichtum macht also etwas widerstandsfähiger gegen Unglück – aber nicht immun? Oder anders gefragt: Der 50-jährige CEO eines Dax-Unternehmens ist in der Tretmühle des Glücks trotz Millionengehalts unglücklich, wenn er im Hafen von Monte Carlo vor der 80-Meter-Jacht des 35-jährigen Internet-Milliardärs steht?

Das kann gut sein. Dazu kommt: Wir haben zu viele Entscheidungsoptionen, aber zu wenig vernünftige Entscheidungskriterien. Wir brauchen den optimalen Mobilfunkanbieter, das optimale Versicherungsmodell, wir müssen optimal einkaufen, ein optimales Familienleben führen. Und bei der Geldanlage geht diese Hatz dann auch oft weiter. Alles im Leben optimieren zu wollen, das führt letztlich in die Tretmühle. 

Ohne Ausweg ins Unglück?

In dieser Tretmühle muss der Einzelne ja nicht gefangen sein. Geld wird einfach allzu oft irrational verwendet – oder auch gespart. Das ist beispielsweise auch an den Geldmengen zu sehen, die vererbt werden; nicht selten an Nachkommen, die darauf in dieser Menge gar nicht angewiesen sind. Da hat sich die Geldanlage sozusagen verselbstständigt. 

Wie lässt sich das verhindern?

Besser wäre es, für sich erst einmal zu definieren: Was ist für mich persönlich ein gutes Ergebnis für das konkrete Ziel, das ich mit dem Ersparten verwirklichen will? Und dieses „gut“, das ist dann auch einfach mal gut genug. Es muss nicht auf Teufel komm raus noch besser werden. So bleibt auch Zeit genug für andere sinnstiftende Beschäftigungen – und größeres Glück.

Geld allein macht nicht glücklich: Das sehen ja auch die Vereinten Nationen so und zählen soziale Sicherheit, Gesundheitsversorgung oder Freigebigkeit zu den glücksstiftenden Faktoren in einer Nation.

Vor allem Sicherheit spielt eine große Rolle – wenn es zugleich auch die Freiheit gibt, sich im Leben zu entfalten. Nach allen Studien ist zum Beispiel die Arbeitsplatzsicherheit darum ein ganz wesentlicher Glücksfaktor.

Selbst, wenn einen der Job gar nicht so begeistert?

Dann kommt es auch hier zu einem Paradox. Wir beobachten, dass viele Menschen während der Arbeit nicht glücklich sind, weil ihnen die Freude an der Tätigkeit fehlt. Trotzdem sind sie aber froh, eine Arbeit zu haben. Es trägt aber wesentlich zu einem glücklichen Leben bei, wenn man seine Arbeit gern macht.

Eine Ihrer Erkenntnisse ist, dass Glück zwei Komponenten hat: eine längerfristige Lebenszufriedenheit und ein kurzfristiges emotionales Wohlbefinden. Gerade 2022 stehen beide Komponenten unter hohem Druck. Das Wohlbefinden ist ja durch Corona, den Krieg in der Ukraine, starke Kursschwankungen, Inflation und andere Unsicherheiten erschüttert. Rechnen Sie darum mit nachhaltig unglücklicheren Zeiten für die Menschen?

Nein, das grundsätzliche Glücksempfinden bleibt wahrscheinlich auch in Zukunft ziemlich konstant. 

Erstaunlich.

Eigentlich nicht, wie viele Untersuchungen zeigen – und oft auch die ganz persönlichen Erfahrungen nach einem Schicksalsschlag, der hinter den Menschen liegt. Erstens vergessen wir Negativereignisse erwiesenermaßen schnell. Zweitens ist das Leben der hier lebenden Menschen verglichen mit der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg oder in früheren Zeiten von Kriegen und Seuchen ja auch nicht so nachhaltig erschüttert.

Der Klimawandel ist doch beispielsweise eine latent drohende Katastrophe …

Die belastet sicher. Hier gibt es aber auch Möglichkeiten, sinnstiftend zu handeln.

Elektroauto sharen, nachhaltig Geld anlegen und regionale Bioprodukte kaufen?

Das können kleine und größere individuelle Entscheidungen sein, die Sinn und damit im Idealfall sogar Glück bringen. Es ist aber generell im Leben wichtiger, statt überall zu optimieren, die kleinen erfreulichen Dinge im täglichen Leben wahrzunehmen. 

Gerade Schweizer und Deutsche sorgen ja mit hohen Sparquoten für die Zukunft vor. Ihre Landsleute signifikant mehr durch Geldanlage in Aktienfonds, Deutsche oft noch immer mehr durch Immobilien und Festgelder. Sind das grundsätzlich gute ökonomische Strategien, um auch stürmische Zeiten glücklich zu überstehen?

Den reinen Ergebnissen nach schon, weil sie ein Sicherheitspolster verschaffen. Aber sich ständig Sorgen um die Entwicklung des eigenen Portfolios zu machen, das kann auch belasten. Das habe ich ja gerade ausgeführt. Daher ist es ratsam, der unsicheren Zukunft mit einem möglichst differenzierten Portfolio zu begegnen.

Also zum Beispiel mit einem breit streuenden Fonds, der auf mittlere Sicht einen realen Vermögenszuwachs ermöglicht? Und umgekehrt sollte der Anlegende misstrauisch werden, wenn ruckzuck Rekord-Renditen versprochen werden? 

Dauerhaft hohe Renditen lassen sich nur mit einem dauerhaft hohen Wachstum realisieren: Auf diese Weise wird die Wirtschaft noch stärker vom Wachstum abhängig. Das meine ich mit meiner Formulierung vom „Wachstumszwang“. 

Zwanghaft ist schlecht? 

Das verträgt sich nicht mit Glück. Aber Wachstum ist in unserem Wirtschaftssystem notwendig. Ohne Wachstum kann eine Mehrheit der Unternehmen nicht auf Dauer positive Gewinne erzielen. Das wiederum ist notwendig, damit eine Mehrheit der Unternehmen auf Dauer überleben kann und nicht Konkurs geht. Ohne Wachstum gerät die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale. Wenn Unternehmen Konkurs gehen, geht die Nachfrage nach Vorleistungen und Investitionsgütern zurück. Es kommt zu Entlassungen, und die Arbeitslosigkeit beginnt zu steigen, was den Konsum weiter verringert. Diese Abwärtsspirale mündet dann bald in einer ökonomischen Krise. 

Wir sollten also im Sinne unseres gesellschaftlichen Glücks mehr über gesundes Wachstum nachdenken?

Unser heutiges Wirtschaftssystem funktioniert nicht ohne ein gewisses Wachstum, da es nur die Alternativen Wachstum oder Schrumpfen gibt. Aber wir müssen nicht stets mit einer maximal möglichen Rate wachsen. Es geht darum, ein langsameres, aber gleichzeitig nachhaltigeres Wachstum zu realisieren. 

Haben Sie als Glücksforscher denn schon Ihre geheime Glücksformel gefunden?

Ich versuche, den Fünfer und das Weggli zu erreichen.

Was ist das denn? Fünf Rappen und die Semmel, die man für dieses Schweizer Kleingeld bekommt?

Wörtlich ja, aber diese Schweizer Redensart steht für etwas, das eigentlich unmöglich erscheint: Geld und das dafür erworbene Gut zugleich behalten. Aber mit dem ganz persönlichen Augenmaß geht es eben doch, Sicherheit und Freiheit, Stabilität und Abenteuer, Geselligkeit und Alleinsein in ein gutes Verhältnis zu bringen. Es geht darum, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen.

ZUR PERSONMathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, Privatdozent an der Universität St. Gallen und Publizist. Der 60-Jährige ist einer der einflussreichsten Vordenker der Wirtschaft und im „Ökonomen-Einfluss-Ranking“ der Schweizer NZZ, der FAZ und der „Presse“ aus Österreich seit Jahren auf den vorderen Plätzen zu finden. Seine Forschungsschwerpunkte sind Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie und der Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. 

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Herausgeber: DekaBank, Mainzer Landstraße 16, 60325 Frankfurt am Main, www.dekabank.de

Chefredakteur: Olivier Löffler (V. i. S. d. P.)

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Redaktion: Therese Dressel, Pamela Kapfenstein, Annekatrin Lacroix, Michael Merklinger, Diana Pfordte, Robert Thiel, Peter Weißenberg

Grafik/Infografiken: KD1 Designagentur, Köln

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