Sie nutzen aktuell den Internet Explorer. Dieser Webbrowser ist veraltet und entspricht nicht den aktuellen Sicherheitsstandards. Außerdem werden viele aktuelle Designstandards nicht unterstützt.

Für eine sichere und schnelle Nutzung unseres Angebots verwenden Sie bitte einen aktuellen Browser.

15.08.2022

|

5 Min.

Die grüne Wende kommt nur langsam voran

Text:

An der Energiewende führt kein Weg vorbei. Doch welches ist der richtige Weg? fondsmagazin liefert einen Überblick, wo es krankt und was getan werden muss.

Es gibt Details bei der Energiewende, die sind zum Haareraufen. Der Verband der Schwertransportunternehmer hat gerade eins geliefert: Weil Windräder immer größer werden, sind bis zu 80 Schwertransporte nötig, bis eines aufgebaut ist. Jeder Transport braucht eine Einzelgenehmigung, die gut und gern aus einem Aktenordner mit 200 Seiten besteht. Die durchschnittliche Genehmigungsdauer für die Transporte hat sich von einem auf drei Jahre erhöht, die Ausbaupläne der Bundesregierung wanken.

Es gibt aber auch die große Sicht aufs Ganze, die selbst Optimisten, wie etwa einen der dienstältesten deutschen Manager, nachdenklich stimmt: Im vergangenen Jahr lag der Verbrauch an Primärenergie in Deutschland bei rund 12.000 Petajoule, das sind zwölf Milliarden Gigawatt. So viel liefern 480.000 Windräder an Land unter optimalen Bedingungen, davon gibt es heute aber erst 30.000, schrieb Heinz Dürr kürzlich in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“. Dürr war einmal Bahnchef und ist heute noch Miteigentümer des gleichnamigen Maschinenbauers. Gedeckt wird der Verbrauch vor allem mithilfe fossiler Energieträger wie Kohle, Gas und Öl. Die erneuerbaren Energien trugen 2021 laut Statistischem Bundesamt lediglich 17 Prozent dazu bei. Daher liegt die vollständige Umstellung des Strom-, Mobilitäts- und Wärmesektors auf nicht fossilen Quellen in weiter Ferne. 

Gas und Mineralöl sind für Deutschland schwer zu ersetzen

Grafik: KD1

Selbst im Strombereich ist die Lage alles andere als rosig: Kohle ist der wichtigste Energieträger, erneuerbare Energien schafften es bisher kaum, auch nur die Hälfte der Stromerzeugung in einem Monat zu übernehmen. Verschärft wird das Problem durch die wachsende Nachfrage nach elektrischer Energie – denn durch die Dekarbonisierung der Industrie, also den Verzicht auf emissionsintensive Erzeugung, durch den Ausbau der Elektromobilität und die Installation elektrischer Wärmepumpen in Millionen Gebäuden, wird die erforderliche Strommenge in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten steigen. Laut einer Prognose des Verbands der Chemischen Industrie benötigen wir ab 2030 allein für die Dekarbonisierung der deutschen Chemieunternehmen etwa 300 Gigawatt an installierter Kapazität aus erneuerbaren Energien: Heute sind in ganz Deutschland erst 132 Gigawatt vorhanden, wobei der Zubau 2020 bei gerade mal 6,7 Gigawatt lag.

Damit werden die Dimensionen jener Aufgabe deutlich, die hinter dem vielbenutzten Wort „Energiewende“ stecken. Um sie führt aber kein Weg herum. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat Deutschland und der EU ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen drastisch vor Augen geführt und das Risiko, das darin liegt, für alle spürbar gemacht: Die Energiepreise, vor allem für Gas, sind deutlich gestiegen.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, warnt vor mindestens einer Verdreifachung der Gaspreise für Verbraucher. Das Problem ist kein absoluter Gasmangel, sondern die Schwierigkeit, an vorhandenes Gas heranzukommen, macht Deka-Energieexpertin Gabriele Widmann deutlich. Gas kann per Pipeline oder per Schiff transportiert werden. Auf Pipelines zu setzen, sei bisher verhältnismäßig bequem und günstig gewesen. Russland sei geografisch nicht weit weg. „Die anderen großen Gaslieferländer sind nicht so leicht zu erreichen", sagt Widmann. „Da brauchen wir Schiffe. Dazu müssen wir das Gas auf minus 165 Grad Celsius kühlen. Das kostet mehr Zeit, das kostet mehr Geld.“ Und auch die Schiffe selbst seien ein Problem: Viele gibt es nicht, und die wenigen vorhandenen sind ausgebucht.

Deutschland benötigt Übergangslösungen

Daneben fehlt es an Flüssiggasspeichern. Da Gas in der Energiewende ursprünglich nur eine Brückentechnologie sein sollte, schoben die Genehmigungsbehörden solche Bauprojekte stets auf die lange Bank. Jetzt ist die Blockade vorbei. In Wilhelmshaven an der Nordsee entsteht Deutschlands erstes Flüssiggas-Terminal. Bis dieses und weitere fertig sind, braucht es Übergangslösungen, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: „Entweder über die Terminalkapazitäten in Belgien oder Holland, oder wir werden schwimmende Terminals nutzen.“

Weil all das Zeit benötigt, diskutiert Deutschland darüber, die drei noch nicht abgeschalteten Atomkraftwerke weiter zu nutzen. Die Idee dahinter: Rund 15 Prozent der Stromerzeugung läuft nach Angaben des Verbands „Zukunft Gas“ über Gaskraftwerke. Ein Teil dieser Menge ließe sich in Atomkraftwerken herstellen und das dann frei werdende Gas könnte zum Heizen verwendet werden. Die Regierung in Berlin ist dagegen. Bundesumwelt- und Wirtschaftsministerium sind sich einig. „Der Beitrag einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zur Energieversorgung wäre sehr begrenzt“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, unterstützt diese Haltung: „Atomkraft verstößt gegen den Grundsatz der Intergenerationalität. Durch die ungelöste Endlagerfrage werden zukünftige Generationen über Gebühr belastet. Generell ist die Generierung von Ewigkeitslasten aus Sicht der Nachhaltigkeit abzulehnen.“ Zudem habe die Nukleartechnik „Ereignisrisiken, die zwar durch eine niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit, aber sehr hoher Schadenssumme“ gekennzeichnet seien.

Fotos: AdobeStock, Titelfoto: imago images

Gutes Geschäft: Elektrische Wärmepumpen sind millionenfach gefragt.

Vor dieser sich zuspitzenden Kulisse sind Politik und Unternehmen alarmiert. Die Energiewende, die nicht nur das Klima schützt, sondern auch die Abhängigkeit von ausländischen Energielieferungen verringert, muss so schnell wie möglich weitergehen. Europas Energiebranche beteiligt sich deswegen mit milliardenschweren Investitionen am Green Deal der Europäischen Union. Deutsche Konzerne wie RWE und E.ON beabsichtigen, mehr Geld in Wind- und Solarparks und in ihre Netze zu stecken. In Summe heißt das: In diesem Jahrzehnt wird Europas Energiebranche mindestens 650 Milliarden Euro in die erneuerbaren Energien investieren, so das Ergebnis einer Analyse der Unternehmensberatung Kearney. Vor allem Spanien tut sich da hervor.

Kosten für Wind und Solar sinken

Die durch den Krieg ausgelöste Krise könnte die Energiewende „richtig beschleunigen“, sagt Michael Schneider, Fondsmanager bei Deka-UmweltInvest. Die politische Unterstützung ist durch den Green Deal gesichert. Mit der Energiewende soll auch die Verkehrs- und Wärmewende gelingen: Autos und Heizungen sollen klimafreundlich werden. Für den sogenannten grünen, also aus Ökostrom erzeugten, Wasserstoff, mit dem die Industrie ihren CO2-Ausstoß reduzieren will, werden gewaltige Mengen an Wind- und Solarenergie benötigt. Pläne für entsprechende Kraftwerke in Nordafrika erleben eine Renaissance. Gleichzeitig werden Windräder und Sonnenkraftwerke wettbewerbsfähig – dank technologischer Reife, Skaleneffekte und Digitalisierung. „Die Kosten für Wind und Solar sinken weltweit immer weiter“, erklärt Ulf Moslener, Professor für Nachhaltige Energie an der Frankfurt School of Finance. „Was wir gerade sehen, ist ein Megatrend. Den Unternehmen wird zunehmend bewusst, dass sie die Klimaziele der Länder und der EU nur erreichen können, wenn sie in den nächsten Jahren investieren.“

Anlegerinnen und Anleger, die sich auf Konzerne konzentrieren, die ausschließlich erneuerbare Energien vorantreiben, hatten lange die Nase vorn, sind aber jüngst etwas ins Hintertreffen geraten. Aus reiner Renditesicht lohnt es sich derzeit mehr, auf Öl- und Gasunternehmen zu setzen. Hohe Rohstoffpreise, geringe Bewertungen und attraktive Dividenden sprechen für sie. Deka-Experte Schneider spricht von „zyklischen Werten“. In den vergangenen Jahren waren die Großkonzerne für fossile Energien wie Exxon Mobil, Chevron, BP und Shell für viele Anlegende kaum noch kaufbar. Dafür sorgte die Nachhaltigkeitsdebatte. Entsprechend fielen die Aktienkurse dieser Konzerne. Im Pandemie-Börsencrash Anfang 2020 hatten sie sich mehr als halbiert, wie der Index MSCI World Energy Sector belegt. Doch danach, parallel zur wieder anspringenden Wirtschaft mit anziehenden Energiepreisen, begannen die Kurse zu steigen, worin sich auch widerspiegelt, dass diese Konzerne Rekordgewinne einfahren. Dagegen schreibt etwa der Windturbinenbauer Nordex Verluste.

Unterm Strich gilt jedoch: Das Geschäftsmodell der Konzerne, die auf fossile Energien setzen, ist endlich, das derjenigen, die erneuerbare Energien fördern, hat Zukunft. Um die Energiewende allerdings entscheidend voranzubringen, braucht es das, was beispielsweise Speich eine „Sprunginnovation“ nennt. Also eine Technologie, die anderen so haushoch überlegen ist, dass ein exponentielles Wachstum möglich wird. Ein Kandidat ist die lasergestützte Fusionstechnologie, wie sie etwa Unternehmen wie Marvel Fusion aus München verfolgen. Dahinter steht die Idee, eine Art künstliche Sonne auf der Erde zu schaffen: Die Sonne strahlt seit Milliarden Jahren, weil in ihrem Innern Wasserstoffkerne zu Heliumkernen verschmelzen und dabei jede Menge Energie freisetzen. In Großbritannien, wo ebenfalls an dem System geforscht wird, hat die Regierung die Fusion zur Schlüsseltechnologie für die Zukunft erklärt. Auch die USA wollen diese Quelle fördern: Im Rahmen des Infrastrukturgesetzes von US-Präsident Joe Biden fließen über die kommenden fünf Jahre 885 Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung dieser Technologie. Wer auf diesem Gebiet Erfolg hat, kann sich freuen: Null-Emissions-Innovationen werden in den nächsten zwei Jahrzehnten mehr Milliardäre hervorbringen als zur Zeit des Internetbooms.

 

Die enthaltenen Aussagen der Deka-Fachleute geben unsere aktuelle Einschätzung zum Zeitpunkt der Erstellung wieder. Diese kann sich jederzeit ohne Ankündigung ändern.Die Angaben wurden sorgfältig zusammengestellt.

Artikel, die mit Namen oder Signets des Verfassers gekennzeichnet sind stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen kann die Redaktion für die Richtigkeit des Inhalts keine Haftung übernehmen. Die Angaben dienen der Information und sind keine Aufforderungen zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.

Herausgeber: DekaBank, Mainzer Landstraße 16, 60325 Frankfurt am Main, www.dekabank.de

Chefredakteur: Olivier Löffler (V. i. S. d. P.)

Projektleitung: Ralf Kustermann

Verlag: S-Markt & Mehrwert GmbH & Co. KG. - Ein Unternehmen der Sparkassen-Finanzgruppe, Grenzstraße 21, 06112 Halle, www.deka.de/fondsmagazin, E-Mail: fondsmagazin@deka.de, Fax: +49 345560-6230 

Postanschrift: fondsmagazin Leserservice, Grenzstraße 21, 06112 Halle

Redaktion: Therese Dressel, Pamela Kapfenstein, Annekatrin Lacroix, Michael Merklinger, Diana Pfordte, Robert Thiel, Peter Weißenberg

Grafik/Infografiken: KD1 Designagentur, Köln

Sie möchten uns schreiben? Schicken Sie Ihre Anregungen, Ideen und natürlich auch Kritik einfach per E-Mail an fondsmagazin@deka.de.