Sie nutzen aktuell den Internet Explorer. Dieser Webbrowser ist veraltet und entspricht nicht den aktuellen Sicherheitsstandards. Außerdem werden viele aktuelle Designstandards nicht unterstützt.

Für eine sichere und schnelle Nutzung unseres Angebots verwenden Sie bitte einen aktuellen Browser.

27.06.2022

|

4 Min.

Chinas Wandel ist Europas Chance

Text:

Drakonische Corona-Lockdowns, schwächelnde Konjunktur und die zunehmende Kritik an der Menschenrechtslage werfen Schatten auf den Wirtschaftspartner China. Für Europas Unternehmen steht eine Neujustierung der ökonomischen Beziehungen auf der Tagesordnung.

Yiyang schmeckt lecker – und verspricht ein langes Leben. Chinas Seniorinnen und Senioren lieben das mit Vitaminen, Calcium und anderen Mineralien angereicherte Milchpulver. Angerührt mit Wasser ist es ein Verkaufsrenner in der alternden Gesellschaft des Riesenreiches. Allein im vergangenen Jahrzehnt hat sich der Absatz mehr als verzehnfacht.

Für Hersteller Nestlé ist Yiyangs Erfolg kein Einzelfall: China ist längst der zweitgrößte Markt des Konzerns mit einem jährlichen Umsatz von umgerechnet mehr als 7 Milliarden Euro. Hunderte Millionen haben die Schweizer in den letzten Jahren in neue Produktionsstätten, Firmenzukäufe und Produkte investiert. Mit Erfolg – ein guter Teil der Dividenden, die Nestlé Jahr für Jahr ausschüttet, entsteht „Made in China“.

So wie bei Nestlé ist der Faktor China für viele Unternehmen Europas wichtig. Ob bei Textilriese H&M, Bankkonzern BNP, Versicherer Allianz oder Autobauer Volkswagen: Der gute Name von Europas Produkten zieht nach wie vor im Reich der Mitte, und auch als Produktionsstätte sind die Fabriken zwischen Harbin und Zhanjiang ein Erfolgsfaktor.

Chinas Schwung ist weg – Wachstum schwächt sich ab

Grafik: KD 1

Gerade VW ist aber auch ein gutes Beispiel für die öffentlich teils schon wieder überschätzte Bedeutung: Zwar verkauft Europas größter Autokonzern in China rund 40 Prozent aller gebauten Fahrzeuge. Aber zum Umsatz tragen die Stückzahlen weniger als 15 Prozent bei, sagt Mikko Huotari. Der Direktor des Mercator Institute for China Studies sieht darum nicht, dass Europa einseitig von China abhänge: „EU- und US-Markt sind immer noch bei Weitem wichtiger.“ Im Angebotsmix sei China relevant, zugleich seien aber auch europäische Produkte für die Auslastung der Wirtschaft in China selbst entscheidend. Auf Millionen Arbeitsplätze und Milliarden Steuereinnahmen können Pekings ökonomisch Verantwortliche nicht verzichten.

Lagerbestände dürften größer werden

Die Weltwirtschaft mache sich ohnedies gerade unabhängiger von China, so Huotari. „Es gibt generell eine gute Entwicklung hin zum Reduzieren von Abhängigkeiten.” Die Coronakrise und ihre Folgen haben Bemühungen vorangetrieben, die Lieferketten nicht mehr einseitig auf weit entfernte Partner auszurichten. „Wir erwarten, dass sich sehr viele Unternehmen ihre globalen Lieferketten anschauen und lokalere Strukturen aufbauen“, sagt der McKinsey-Experte für Produktion und Lieferketten, Knut Alicke. Der Trend, in der Region für die Region zu produzieren, verstärke sich. Zudem dürften die Lagerbestände größer werden. Auch bei der Versorgung mit seltenen Erden und kritischen strategischen Gütern wie Medizinprodukten oder Halbleitern werden eifrig Alternativen vor der Haustür gesucht oder aufgebaut.

China bleibe aber dennoch ein wichtiger Markt – und Lieferant. Nur die Euphorie sei deutlich abgeflaut. „Die Unternehmen selbst sind auch sensibler geworden“, hat Direktor Huotari in zahlreichen Gesprächen erfahren. Auch gegenüber politisch bedenklichem Handeln. Gerade erst ist das in Fragen der Menschenrechte wieder durch den Umgang mit der Minderheit der Uiguren ins Bewusstsein gerückt. Zwar betont Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie: „Wenn wir nur in liberalen Demokratien Geschäfte machen wollen, dann wird die Welt für das Exportland Deutschland sehr eng.” Aber fast alle großen börsennotierten Unternehmen Europas setzen sich klare Selbstverpflichtungen bei ihrem Handeln – auch und gerade in China. Beispielsweise durch Selbstverpflichtungen auf die Maßstäbe zum ökologischen, sozialen und ethischen Handeln (ESG), wie sie das Uno-Abkommen von Paris und andere EU-Vereinbarungen definiert haben.

Foto: dpa/PictureAlliance

Lockdown-Folgen: Das Wachstum in China ist zwischenzeitlich geschrumpft.

Dazu kommen teils auch politische Vorgaben wie die Lieferkettengesetze in Deutschland oder auf europäischer Ebene. Und nicht zuletzt schauen auch vorausschauende Investoren wie die Deka auf die Einhaltung der Nachhaltigkeitsziele. Markus Jerger, Bundesgeschäftsführer des Verbandes der mittelständischen Wirtschaft, betont: „Politik und Wirtschaft werden nicht umhinkommen, China einer gewissenhaften Prüfung zu unterziehen.“

Chinesische Firmen wie Huawei, Nio oder Tik-Tok müssen deshalb bei Arbeitsbedingungen, Umweltschutz oder fairem Wettbewerb nach europäischen Regeln spielen, wenn ihre Produkte oder Dienstleistungen in Europa angeboten werden. Denn auch China kann es sich trotz des großen Heimatmarktes nicht leisten, ähnlich wie derzeit Russland zum Paria auf den Weltmärkten zu werden. Zumal der Druck auch in China groß ist, wieder im Weltmaßstab auf Wachstumskurs zu gehen.

Denn Chinas Wirtschaft ist infolge des rigiden Corona-Lockdowns im März und April geschrumpft. Der Internationale Währungsfonds rechnet 2022 aber immer noch mit einem Wachstum von 4,4 Prozent. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater kritisiert die „falsche Strategie der chinesischen Behörden gegen die Corona-Pandemie”. Durch die Lockdowns laufe die Produktion weltweit weiterhin nicht rund. „Wenn jetzt zwischenzeitlich sowohl die Herstellung von Waren als auch deren Transport doch wieder möglich ist,dann werden in einigen Wochen die Häfen der Welt von einer Armada von Containerschiffen aus Asien überrollt“. Neue Staus und Verzögerungen schaden den Unternehmen in den Industrieländern, aber ebenso auch den Produzenten in China.

Wohlstand als gesellschaftlicher Kitt

Pekings Staatsführung hat darum zur Milderung der Folgen ein Paket von 33 Konjunkturmaßnahmen verabschiedet – mit Infrastrukturinvestitionen, erleichterter Kreditvergabe, Steuersenkungen und Konsumanreizen. Individuell wachsender Wohlstand ist schließlich der Kitt, der die Masse der Chinesinnen und Chinesen so gefügig der Parteilinie folgen lässt. Eine harte Konfrontation kann sich die Volkspartei an dieser Flanke nicht erlauben. Und der zivile Protest tausender Shanghaier  in  den  sozialen  Medien  gegen  die  harschen  Lock- down-Regeln haben deutlich gemacht, dass die Geduld der Bürgerinnen und Bürger nicht unendlich ist.

Das Konjunkturprogramm ist gut für die Wirtschaft in China und  die  der  ausländischen  Partnerfirmen  und  Investoren.  Die Kauferleichterungen für Autos, billige Kredite oder Steuersenkungen werden im Effekt auch Europas Unternehmen eine Sonderkonjunktur  bescheren  –  und  damit  allen,  die  einen  Teil  ihres Vermögens in die Zukunft Chinas investieren.

Artikel, die mit Namen oder Signets des Verfassers gekennzeichnet sind stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen kann die Redaktion für die Richtigkeit des Inhalts keine Haftung übernehmen. Die Angaben dienen der Information und sind keine Aufforderungen zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.

Herausgeber: DekaBank, Mainzer Landstraße 16, 60325 Frankfurt am Main, www.dekabank.de

Chefredakteur: Olivier Löffler (V. i. S. d. P.)

Projektleitung: Ralf Kustermann

Verlag: S-Markt & Mehrwert GmbH & Co. KG. - Ein Unternehmen der Sparkassen-Finanzgruppe, Grenzstraße 21, 06112 Halle, www.deka.de/fondsmagazin, E-Mail: fondsmagazin@deka.de, Fax: +49 345560-6230 

Postanschrift: fondsmagazin Leserservice, Grenzstraße 21, 06112 Halle

Redaktion: Therese Dressel, Pamela Kapfenstein, Annekatrin Lacroix, Michael Merklinger, Diana Pfordte, Robert Thiel, Peter Weißenberg

Grafik/Infografiken: KD1 Designagentur, Köln

Sie möchten uns schreiben? Schicken Sie Ihre Anregungen, Ideen und natürlich auch Kritik einfach per E-Mail an fondsmagazin@deka.de.