Interview

„American Dream in der Krise“

Wie denken die Amerikaner über ihr Land, seine Zukunft und die Präsidentschaftskandidaten? Die Expertin für US-Politik Sudha David-Wilp über Wahlkampf in Zeiten von Corona, Konjunkturkrise und „Black lives matter“.

Frau David-Wilp, die USA sind im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen tief gespalten. Spüren Sie diese Sprachlosigkeit zwischen Trump- und Biden-Anhängern eigentlich auch im eigenen Umfeld von Freunden und Familie?

Sudha David-Wilp: Oh ja! Das ist ganz sicher so.

Und wie zeigt sich das konkret?

Ich bin in einem Vorort von New York aufgewachsen. Das war ein solcher „Swing District“, in dem die Menschen mal mehr den Demokraten zugeneigt waren, mal mehr den Republikanern. Die politischen Ansichten des anderen waren deshalb immer wichtig – und auch fester Bestandteil des Small Talks. Heute meiden alle das Thema, weil die Stimmung so aufgeheizt und oft auch vergiftet ist. Viele Menschen sind mehr an Meinungen als an echten News interessiert.

Keine Chance auf einen Dialog über den „American Way“?

Ich denke, das ist nicht unumkehrbar. Ich liebe die USA und wünsche mir, dass die Menschen wieder zusammenkommen.

Im Wahlkampf sind die Chancen anscheinend gering.

Ja. Aber diese Polarisierung ist bereits schon seit Jahrzehnten im Gange. Irgendwie und irgendwo ist ja dauernd Wahlkampf.

In Deutschland wird beim Thema US-Präsidentschaftswahlen vor allem über die beiden großen Themen „Black Lives Matter“ sowie „Corona und die Folgen“ berichtet. Sind das auch für die Amerikaner selbst die alles entscheidenden Fragen?

Die Benachteiligung und Diskriminierung afroamerikanischer Mitbürger und die Coronapandemie sind sehr wichtige Themen. Gesundheits- und Bildungspolitik kommen noch dazu. Aber das alles gehört zu einem übergeordneten Thema: der ökonomischen Lage. Damit ist nach Ansicht der Menschen alles eng verbunden.

Warum?

Wirtschaft ist immer enorm wichtig für uns. Weil die eigene ökonomische Lage eine Grundlage des American Dream ist. Arbeite hart, dann hast du alle Chancen, dass es dir besser gehen wird als deinen Eltern. Ich bin selbst ein Beispiel für dieses Versprechen der US-Gesellschaft: Tochter von indischen Einwanderern, als Amerikanerin aufgestiegen in diesem Land. Die sozialen Probleme und die Folgen von Corona zeigen aber vielen, dass der amerikanische Traum in der Krise ist und für sie nicht funktioniert. Die Entwicklung ist schon seit zwei Jahrzehnten für viele so. Darum kommt es zu sozialen Verwerfungen wie seit den 60er-Jahren nicht mehr.

Damals haben ja auch schon Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung sowie der Kampf für Bürgerrechte und soziale Chancengleichheit eine große Rolle gespielt. Wer hat denn nach Meinung der Amerikaner den besten Plan, um diese Lage zu verändern?

Da gehen die Meinungen ja ebenso diametral auseinander. Den einen geht es darum, ihren amerikanischen Traum erst einmal wahr zu machen – also etwa eine gute Ausbildung zu bekommen und danach nicht heillos verschuldet zu sein. Andere wollen vor allem, dass ihre Art zu leben geschützt und bewahrt bleibt.

Durch geringe Steuern und Abgaben etwa?

Auch. Aber vor allem ganz konkret durch den Schutz ihrer Jobs. Da ist in den vergangenen Jahrzehnten vieles verloren gegangen. Auf einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit und Schutzlosigkeit beruhte ja auch der unerwartete Erfolg von Donald Trump bei der vorigen Präsidentschaftswahl. Er hatte den Wählern gerade in „Swing States“ wie Michigan oder Pennsylvania versprochen, ihre traditionellen Arbeitsplätze zu erhalten oder zurückzuholen.

Stahl, Kohle, Autos …

Um diese Industrien geht es. Trump hat versprochen, solche klassischen, gut bezahlten Jobs zu retten, indem er vermeintlich unfaire Handelspraktiken eindämmt, Umweltgesetze lockert oder Investitionen fördert.

Corona und die Folgen der Pandemie haben da jetzt erst mal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das lastet Joe Biden dem Missmanagement des Präsidenten bei der Bekämpfung des Virus an. Kommt die Botschaft an?

In den Umfragen sieht es im Moment so aus. Und die Mehrheit der Amerikaner möchte in diesen Zeiten sicher zurück zu einer Stabilität. Sie möchten eine neue Basis, auf der möglichst alle Menschen in diesem Land ihre Chance auf Glück nutzen können.

Da ist Joe Biden der gemeinsame Nenner?

Für viele schon. Trump hat ja auch deswegen 2016 gewonnen, weil Frauen und Schwarze nicht so stark die Demokraten unterstützt haben wie in der Ära Obama. Das ist jetzt anders.
 

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Foto: dpa/Picture Alliance

Nun ist Biden aber auch schon 77 Jahre alt – genau wie Trump nicht gerade der Mann der Zukunft.

Sicher sehen auch unter den Demokraten viele Joe Biden als eine Interimslösung.

Als kleinsten gemeinsamen Nenner?

Nein. Als jemand, der Amerika wieder „back to normal“ bringt. Aber normal, das ist dann eben noch nicht genug. Eine sichere Familie, ein guter Job, eine solide Ausbildung, gute Infrastruktur – das sind Kernaufgaben für das nächste Jahrzehnt. Aber da sind ja im Biden-Team mit der Vizepräsidentin Kamala Harris oder Pete Buttigieg bereits viel jüngere Menschen prominent vertreten, die für diese Zukunft stehen.

Zukunft, das heißt auch finanzielle Sicherheit. Fast die Hälfte der Amerikaner hat ja einen wesentlichen Teil ihrer Altersvorsorge über Pensionsfonds im Aktienmarkt. Legt Donald Trump deshalb so viel Wert auf Dow-Jones und Nasdaq als Gradmesser seines Erfolgs?

Ganz sicher – auch wenn das vielen Wählern gar nicht so bewusst ist. Stärker bewusst ist ihnen dagegen, wenn die Realwirtschaft jetzt nicht so anspringt wie die Finanzmärkte. Da sind wir von einer V-Form der Erholung nach dem Lockdown noch weit entfernt. Das spüren Arbeitnehmer, Ladenbesitzer oder Unternehmer täglich. Die Wahl wird sich auch daran entscheiden, wie sich die Situation in den kommenden Wochen entwickelt – und damit die Zuversicht der Menschen.

Da hofft Donald Trump auf das große Comeback der Wirtschaft.

Ja. Und wenn die Signale sich so entwickeln, dass viele Menschen diese Erwartung teilen, hat er durchaus noch Chancen, die Stimmung zu drehen. Dann werden viele sagen: Warum die Pferde wechseln, wenn die Kutsche gerade wieder in Schwung kommt?

Die Steuern sind unter Präsident Trump deutlich gesunken, die Handelskonflikte und -hemmnisse dagegen gestiegen. Was wünschen sich Unternehmer im Land von der nächsten US-Regierung?

Die meisten Unternehmer wollen Sicherheit, wollen planen können. Niedrige Steuern mag da jeder, klar. Aber erratische Politik ist Gift für jede Planung. Wenn ich nicht weiß, wo ich morgen produzieren darf, mit wem ich handeln kann, was ich importieren kann, dann macht das unternehmerische Planung schwer.
 

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Foto: Getty Images

Zur Person

Sudha David-Wilp

Stellvertretende Leiterin des Berliner Büros des German Marshall Fund der Vereinigten Staaten
 
Die Politologin ist die stellvertretende Leiterin des Berliner Büros des German Marshall Fund der Vereinigten Staaten. Dieser widmet sich der Förderung der transatlantischen Beziehungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sudha David-Wilp, deren Eltern aus Indien in die USA eingewandert sind, hat nach einer Tätigkeit für die Lufthansa lange Jahre in Washington für den US-Kongress gearbeitet. Dort war sie für internationale Programme verantwortlich.

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Foto: David-Wilp

 
Stichwort Handelskonflikte?

Ja. Wobei sich die meisten Amerikaner einig sind, dass China kein fairer Partner ist, dem man trauen kann. Da werden auch Demokraten zurückhaltend sein. Aber eine Regierung Biden würde sicher erst das Gespräch suchen – und dann handeln. Vermutlich würde Biden auch mehr Einigkeit mit klassischen Verbündeten wie der EU, Indien oder Japan suchen, bevor er Alleingänge macht.

Schon unter Präsident Barrack Obama haben sich die USA verstärkt dem pazifischen Raum zugewandt. Gleich, wer die Wahl gewinnt: Ist die große Zeit der transatlantischen Allianz bei Politik und Wirtschaft jetzt endgültig vorbei?

Sie ist nicht tot. Aber diese Allianz wird eine andere sein. Schon seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 ist da ja eine Suche nach einem neuen Gleichgewicht, einer neuen Partnerschaft im Gange. Und diese Partnerschaft ist nötiger denn je – auch in der Sicherheits- und Handelspolitik, wo die Kraft der USA stärker ist, wenn sie mit Europa abgestimmt an einem Strang ziehen. Das muss den Präsidentschaftskandidaten klar sein.

Würden die USA unter einem Präsidenten Biden den Fokus wieder mehr auf weltweiten Freihandel setzen?

Er hat sicher einen stärkeren Fokus auf internationaler Politik – weil er die Effekte auf die Heimat kennt. Aber Joe Biden weiß auch: Fast die ganze Kraft des nächsten Präsidenten muss jetzt dem Revitalisieren der Heimat gelten. Corona hat schonungslos offengelegt, was alles zu tun ist in diesem Land.

Wenn Sie Ihre eigenen Bekannten, Freunde und Kollegen fragen: Wer wird die Wahl gewinnen?

Anfang 2020 hat jeder auf Trump getippt; aktuell weiß es keiner.

Kennen die Amerikaner ihre Mitmenschen nicht mehr?

Da ist was dran. Wir waren uns lange Zeit in unserer Geschichte bei allen Differenzen und Rückschlägen doch einig: Dieses Land ist auf dem richtigen Weg. Das ist jetzt nicht mehr so.

Dann war Donald Trump ja ein echter „Eye-opener“?

So kann man es auch sehen. Seine Präsidentschaft hat jedenfalls viele Probleme an die Oberfläche gebracht, die schon seit Jahrzehnten darunter geschwelt haben.

Stand: 28.09.2020, Text: Peter Weißenberg,
Quelle: fondsmagazin.de


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