Bernd Köcher managt für die Deka einen neuen Industrie-4.0-Fonds. Der Experte über die spannende Aufgabe, Innovationen zu erkennen, die eine bestehende Technologie ersetzen und dadurch Geschäftsmodelle verändern können. Denn: Wer als Unternehmen nicht dabei ist – oder nicht schnell genug –, muss womöglich ganz aus dem Wettbewerb ausscheiden. Der sogenannte disruptive Wandel in der Weltwirtschaft ist facettenreich und birgt Chancen, die Fondsmanager für den Anleger nutzen können.
Unser Schwerpunkt liegt vor allem auf den Unternehmen, die es den anderen ermöglichen, sich zu verändern. Es ist also nicht unbedingt der Vorreiter in der Industrie, den wir suchen – sondern der Spezialist, der ihm diesen Wandel ermöglicht.
Nein. Amazon ist ein Paradebeispiel. Das Unternehmen ist ein Pionier im e-Commerce, hat aber auch die passende Software und Datenbanken, Drohnen oder robotergestützte Lager. Das heißt: Know-how gepaart mit Umsetzung. Um hier die wirklichen Siegertypen zu erkennen, ist es wichtig, ganz nah dran zu sein am Geschehen.
Durchaus. Wir haben 47 Experten, die tief in den Branchen und Sektoren zu Hause sind. Und mir selbst hilft es beim Fondsmanagement natürlich, dass ich Sektorspezialist im Technologiebereich bin. Da treffe ich bei diesem Thema gute, alte Bekannte – aber auch ganz neue Player.
Disziplin ist da wichtig – und ein klares Konzept. Nicht zu vergessen auch Verkaufsdisziplin. Sie müssen sich eben auch rechtzeitig verabschieden von einem Papier, das die Anforderungen nicht mehr erfüllt.
Beim Mix haben wir drei Schwerpunkte. Erstens: Unternehmen aus den Bereichen Gesundheitswesen, Konsumentenanwendungen und Mobilität; zweitens: Industrie-Unternehmen; drittens: Firmen aus der Informationstechnologie. Darüber hinaus ist das Anlagethema Industrie 4.0 aber sektorenübergreifend und natürlich global. Mehr als fünf Prozent nimmt kein Einzeltitel ein.

“Über”-Gewicht würde ich das nicht nennen. Angemessen passt besser. In den gegenwärtig 55 Firmen im Deka-Industrie-4.0-Fonds finden Sie aber auch Champions aus Schweden wie der Messtechnik-Konzern Hexagon, aus Israel mit Mobileye, einem Weltmarktführer für Unfallpräventionssysteme oder der Schweiz mit u-blox, der Halbleiterbausteine für Elektroniksysteme anbietet.
Bestimmt. Natürlich sortieren Computerprogramme vor. Aber kurze Entwicklungszyklen in diesem Bereich machen es eben notwendig, selbst genau hinzuschauen. Dazu kommt, dass über viele potenzielle Top-Player oft noch gar nicht genug Zahlen vorhanden sind – etwa Börsenneulinge oder die Abspaltungen großer Konzerne in diesem Bereich. Darum gehen wir auf Messen wie die CES oder Hannover-Messe – treffen auf etablierte Unternehmen, sehen neue Konkurrenten. Das Gespür sagt mehr als eine Datenbank.
Da findet sich eine ganze Menge. Deshalb ist der Anteil deutscher Unternehmen deutlich höher als bei anderen globalen Fonds: Continental, Jungheinrich, ISRA Vision … oder Infineon. Hier zeigt sich die spezifische industrielle Stärke Deutschlands.
Nehmen Sie als Beispiel einmal Infineon: Die Elektrifizierung ist im Automobilsektor ein Megathema – da geht es um Sicherheit, Konnektivität, Fahrerassistenzsysteme sowie die Elektrifizierung des Antriebsstranges. Es gibt für einen Systemlieferanten dabei sowohl durch Gesetze und Vorschriften als auch wettbewerbsbedingt Rückenwind zum Einbau moderner Fahrerassistenzsysteme.
Ja. Infineon baut neben Steuerchips für Verbrennungsmotoren auch Chips für Radar- und Kamerasysteme. Dazu noch Leistungshalbleiter, die den Energieverbrauch bei Servern und Netzteilen deutlich reduzieren und den Stromverbrauch bei Zügen, Motoren und Klimaanlagen optimieren. Davon profitiert der Endverbraucher durch mehr Sicherheit und Komfort - Infineon rechnen wir deswegen dem Segment Konsumanwendungen zu. Die Nachfrage nach Halbleitern aus diesem Bereich wird sich vervielfachen - selbst, wenn die Zahl der verkauften Autos gleich bliebe.
Nein. Das ist ein genereller Mega-Trend: Heute sind 20 Milliarden Geräte über das Internet vernetzt. Bis 2030 werden es 500 Milliarden sein. Auf jeden Menschen würden dann rechnerisch etwa 60 vernetzte Objekte kommen.
Neben der Datenanalyse vor allem durch meine eigene Präsenz auf Messen und Konferenzen. Ich selbst bin in den nächsten Wochen wieder im Silicon Valley und auf US-Messen unterwegs. Grundsätzlich umfasst das Anlageuniversum nach der Vorsortierung mit datengestützten Systemen nach solchen Messgrößen wie Mindestkapitalisierung und Handelsvolumen rund 900 Unternehmen. Eine Watchlist von rund 290 Titeln schauen wir uns besonders intensiv an, durchleuchten ständig diese Unternehmen. Und wir besuchen ganz klassisch einen guten Teil von ihnen regelmäßig.
Die Technologieführerschaft des Silicon Valley spiegelt sich in einem circa 50-prozentigen Anteil am Portfolio. Die genannten Firmen und Beispiele zeigen aber, dass die deutsche Industrie weiterhin große Anstrengungen unternehmen muss, um wieder mit den US-Firmen Schritt zu halten.
Continental, Bosch, Mercedes, BMW stellen schon heute mehr Programmierer als klassische Ingenieure ein. Daran arbeiten die Top-Unternehmen auf dieser Seite des großen Teichs also intensiv. Amerikaner kommen eben häufig von der IT-Seite, Japaner und Europäer eher von industrieller. Und die US-Firmen setzen bei ihren Geschäftsmodellen auf die Daten selbst. So wird etwa ein Uber der größte Taxi-Betreiber der Welt – ohne eigene Fahrzeuge. Aber auch eine Deutsche Telekom macht im Cloud-Geschäft inzwischen gute Umsätze. Oder ein ganz anderes Beispiel: SAP hilft dem Maschinenbauer Kaeser beim Vermarkten von Luft.
Ja. Deren Maschinen komprimieren Luft – und anders als früher haben die inzwischen auch Produkte im Angebot, bei denen der Kunde nicht mehr die Maschinen, sondern eben nur noch Kubikmeter verdichtete Luft kauft. SAP hat dazu Mess- und Abrechnungssysteme entwickelt. Cloudbasiert und in Echtzeit werden die Kosten abgerechnet. Ein tolles Industrie-4.0-Produkt.
Japan stellt mit aktuell rund 19 Prozent den zweitstärksten Markt im Fonds dar. Maschinenbauer Fanuc ist beispielsweise ein starker japanischer Wert im Fonds. Oder Harmonic Drive Systems; die sind Zulieferer für fast alle führenden Roboterproduzenten sowie Hersteller von hochpräzisen Servomotoren und Getriebeunterstützungen, insbesondere für die neue Generation von ultra-mobilen kooperativen Robotern.
Ganz klar. Ein Beispiel ist etwa Intuitive Surgical aus den USA. Deren Produkt Da Vinci war bereits im Juli 2000 das erste von der amerikanischen Gesundheitsbehörde zugelassene System für robotergestützte Operationen. Und bis heute hat das Unternehmen keine direkten Wettbewerber. Bis Dezember 2016 wurden 3.919 Da-Vinci-Systeme installiert. Allein 2016 wurden 753.000 Eingriffe durchgeführt. Unsere Analysten verzeichnen bei einem Umsatz von zuletzt 2,7 Milliarden Dollar ein elfprozentiges Wachstum – und stetig steigende, wiederkehrende Umsätze durch Dienstleistungen und den Verkauf von Einweginstrumenten. Solche Firmen suchen wir für den Fonds.
Zunächst: Die Risiken kann man nicht wegdiskutieren. Aber die Automatisierung schafft ja auch viele Spielräume und Kreativität. Nehmen Sie das Beispiel Adidas. Da gibt es für Deutschland sogar wieder eine Reindustrialisierung. Der Turnschuh kommt wieder aus Deutschland – personalisiert und absolut individuell zeitnah vor Ort gefertigt. So lassen sich sogar bessere Preise erzielen und gute Fachkräfte halten. Vergessen wir nicht: Bisher war noch jede industrielle Revolution im Effekt eine Jobmaschine.
Eher nicht. Das gerade genannte Beispiel für lokales Produzieren zeigt, dass der Mega-Trend sogar auf unterschiedlichste Politik passt. Und eine politisch erzwungene Reindustrialisierung kann letztlich sogar zu erhöhter Automatisierung führen – weil die Arbeitskosten in den USA oder Großbritannien natürlich höher liegen als in China oder Rumänien.
Quelle: fondsmagazin.de
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