Interview

Nachaltigkeit bleibt ein Megatrend

Robert Haßler, Chef der Rating-Agentur ISS ESG zu Klimawandel zwischen Trump und Thunberg, der Rolle Privatanlegern und Herausforderungen der Zukunft.



Herr Haßler, Sie analysieren und bewerten seit 1992, wie nachhaltig Unternehmen wirtschaften. Geben die kontinuierlich steigende Aufmerksamkeit für den Klimawandel – und gerade auch die Aktivierung der Jugend – einen besonderen Schub für das Thema Nachhaltigkeit?

Robert Haßler: In den frühen 1990er-Jahren waren Nachhaltigkeitsratings noch ein besonderer Service für ein ausgewähltes Publikum wie kirchliche Investoren, ethische Fonds oder kleine Spezialbanken. Die wollten in erster Linie die Wahrung ethischer Werte. Heute sehen auch ganz normale institutionelle Investoren ein Nachhaltigkeitsresearch als unverzichtbar, um Anlagerisiken und -chancen zu managen. Die ganz große Schubkraft hat das Thema dabei sicher 2015 erhalten.

Zum Beispiel durch das Pariser Abkommen zur CO2-Begrenzung und das Zwei-Grad-Ziel?

Ja. Und durch die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen im gleichen Jahr. Aber schon zuvor sind erste institutionelle Investoren umgeschwenkt, indem sie zum Beispiel aus Kohle-Investments ausgestiegen sind.


ISS ESG-Chef Robert Haßler

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Bild: ISS ESG


Haben Fridays for Future mit der Gallionsfigur Greta Thunberg zusätzlichen Druck aufgebaut?

Das ist auch eine wichtige Bewegung – denn die regelmäßigen Demonstrationen von Millionen junger Menschen bringen das Thema kontinuierlich auf die Tagesordnung. Dazu kommt unser aller Wahrnehmung: Die Sommer werden in der ganzen nördlichen Hemisphäre heißer und trockener, die Unwetter häufiger.


Die Ignoranten werden weniger

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Nur Donald Trump merkt davon offenbar nichts?

Generell wird die Politik in den meisten Ländern der Welt in Sachen Nachhaltigkeit aktiver. Bis auf die USA ist ja niemand aus dem Pariser Abkommen ausgetreten. In Europa macht seit März zudem der Sustainable-Finance-Aktionsplan der EU das Thema verbindlicher für Investoren. Und hierzulande drängt auch der Nachhaltigkeitsbeirat der Bundesregierung auf entsprechende Regulierung. Das alles gibt einen Schub für den Finanzmarkt und lässt Gelder vermehrt in Richtung Nachhaltigkeit fließen. Der Megatrend Nachhaltigkeit ist nicht aufzuhalten – übrigens auch in den USA nicht. Investoren und Privatwirtschaft nehmen auch dort unabhängig von der Politik schon vieles in die Hand.

Zum Beispiel?

Gerade in den bevölkerungsreichen Küstenstaaten wie New York oder Kalifornien werden klare Klimaziele etwa bei den CO2-Emissionen im Verkehr verfolgt. Und es gibt dort auch die Überzeugung, dass nachhaltig gewirtschaftet werden muss. Investoren handeln da ganz rational: Der Klimawandel ist ein Risiko. Das gilt es zu minimieren. Darum wird in die Firmen investiert, die hier am besten aufgestellt sind.

Sind Großinvestoren wie Fondsgesellschaften eigentlich die Treiber des Nachhaltigkeitsthemas?

Einige thematisieren das stark, andere könnten sich noch klarer positionieren. Das ist auch wichtig, um Anlegern die Chancen mit nachhaltigen Investments besser aufzuzeigen. Da wird sich aber sicher einiges ändern, wenn im Jahr 2020 der Hinweis auf solche Investments in den Beratungsprotokollen verpflichtend wird. Auf jeden Fall sind aber derzeit institutionelle Investoren die Treiber. Privatanleger halten sich noch zurück. Gerade in Deutschland.


Der Handel hat Aufholbedarf

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Wie kommt´s?

Vielleicht haben deutsche Privatanleger eher Schwierigkeiten, Ökologie und Ethik mit gewinnbringenden Investments in Verbindung zu bringen. In der Schweiz gehen die Menschen rationaler an die Sache heran – ähnlich wie die institutionellen Anleger. Pragmatische Ansätze, Nachhaltigkeit zu messen, sind dort akzeptierter: Schwellenwerte oder ein Best-in-class-Ansatz etwa. Auch, wenn die Welt noch nicht perfekt ist, geht man so in die richtige Richtung bei der Geldanlage.



„Fridays for Future bringt das Thema Nachhaltigkeit kontinuierlich auf die Tagesordnung – auch bei den Anlegern.“

Robert Haßler


Wie hat sich in den vergangenen Jahren konkret bei ihren Messungen die Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen entwickelt?

Die durchschnittliche Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen weist weiterhin einen deutlichen Aufwärtstrend auf, der von verschiedenen Faktoren gestützt wird.

Welche konkret?

Einerseits setzen sich freiwillige Initiativen wie die Task Force für klimabezogene finanzielle Angaben und die SASB-Berichtsstandards durch. ISS ESG beteiligt sich aktiv an diesen Bemühungen, indem wir Erfahrung und Fachwissen zu verschiedenen ESG-Themen, von der Eindämmung des Klimawandels bis zur nachhaltigen Chemie, zur Verfügung stellen. Andererseits bemühen sich die Gesetzgeber in mehreren Ländern intensiv darum, die Berichtspflichten zu verschärfen und eine nachhaltige Finanzierung zu fördern. Und schließlich zeigen bewertete Unternehmen selbst ein verstärktes Bewusstsein für die Wesentlichkeit von ESG-Faktoren.

Bewusstsein, Wahrnehmung und Realität gehen ja manchmal ganz schön auseinander: Angenommen, sie machen eine Straßenumfrage: Was ist grüner – Joghurt oder Handys? Da würde wohl fast jeder auf das Lebensmittel tippen. Trotzdem ist die Branche „Electronic Devices” nach Ihren Messungen nachhaltig besser als der Schnitt der Ernährungs-Unternehmen. Wie kommt´s?

Manche Branchen stehen einfach stärker unter Handlungsdruck. In der IT-Branche ist etwa die Debatte um seltene Erden oder Arbeitsbedingungen bei Zulieferern in aller Munde. Die Impulse an die Konzerne sind sehr stark – und darum auch die Anstrengungen in Sachen Nachhaltigkeit. Schauen Sie sich dagegen die Landwirtschaft an: Sie müsste Ökologie eigentlich in den Genen haben. Das ist aber nicht wirklich so. Es geht vor allem darum, die wachsende Weltbevölkerung möglichst günstig zu ernähren.

Und damit möglichst viel Geld zu verdienen.

Aber auch in der Landwirtschaft ändert sich die Wahrnehmung – nicht zuletzt die der Investoren ...

… die ja mögliche Risiken immer einrechnen müssen, etwa durch den Artenschwund wegen Monokulturen oder auch extensivem Pflanzenschutz. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für echte Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren?

Sie haben gerade schon eines angesprochen: Die Biodiversität rückt stärker in den Fokus. Dazu gibt es im kommenden Jahr einen Uno-Gipfel in Peking. Der könnte Signale wie der Pariser Gipfel beim Klima aussenden. Insgesamt müssen wir unseren Konsum im großen Stil nachhaltiger gestalten. Das beginnt mit der Ernährung, bei der der Fleischanteil deutlich reduziert werden muss, geht über in unser Mobilitätsverhalten, das in der westlichen Welt einen viel zu großen CO2-Fußabdruck hat. Aber auch der Plastikmüll, gerade in den Meeren … das sind große Herausforderungen an nachhaltiges Wirtschaften. Eines ist dabei ganz offensichtlich: Alle wirtschaftlich Handelnden müssen sich hier der Verantwortung in ihrem Bereich stellen – nachhaltig.

Quelle: fondsmagazin.de, 28.11.2019
Text: Peter Weißenberg

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Bild: picture alliance