Geldpolitik

Dauerebbe bei den Zinsen - Oberwasser für Aktien

Überraschend ändert die EZB ihren geldpolitischen Kurs und sorgt bei Zinssparern für unbefristet trübe Aussichten – Aktienanleger dürften sich freuen.

Wer vor zehn Jahren sein Geld in Wertpapierfonds angelegte, kann sich heute nicht beklagen. Kursgewinne und Dividenden summieren sich in den meisten Fällen zu einem erfreulichen Gesamtergebnis. Völlig anders sieht die 10-Jahres-Bilanz der Zinssparer aus. 2009 konnten sie noch 2 Prozent auf Tagesgeld und Co. ergattern, im Jahr 2012 stand zum letzten Mal eine 1 vor dem Komma. Danach saßen sie endgültig auf dem Trockenen.
 
Auch in Zukunft werden keine Zinsen sprudeln, ist Ulrich Kater überzeugt. „Wir haben jeden Gedanken an höhere Zinsen aufgegeben. Sie liegen so weit in der Zukunft, dass sich heute nicht viel Sinnvolles darüber sagen lässt“, erklärt der Deka-Chefvolkswirt. Zehn weitere staubtrockene Jahre sind im Bereich des Möglichen. Des einen Leid ist des anderen Freud: Aktienmärkte, ausgewählte Anleihen und auch ein klein wenig Gold sind nicht zuletzt wegen der Nullzinsen besonders interessant.

Draghis Kehrtwende

Grund für Ulrich Katers Zinseinschätzung ist die jüngste geldpolitische Wende der EZB. Eigentlich stand für 2019 der langsame Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik auf der Agenda der Zentralbank. Doch aus Sorge um die lahmende europäische Konjunktur hat EZB-Präsident Mario Draghi noch einmal eine komplette Kehrtwende vollzogen – kurz bevor im Oktober seine Amtszeit endet. Im September wird er den Einlagensatz voraussichtlich von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent senken – das ist der Zins, zu dem Geschäftsbanken kurzfristig Liquidität bei der Europäischen Zentralbank parken können. Je höher diese Strafzinsen, desto größer sind die Anreize für Banken, ihre Liquidität in Form von Krediten den Unternehmen zur Verfügung zu stellen anstatt sie bei der EZB zu bunkern. Das ist die Theorie hinter Draghis Schritt.
 
„In der Praxis machen solche feinen Schritte allerdings keinen großen Unterschied mehr“, betont Deka-Experte Kater. „Daher deutet einiges darauf hin, dass Draghis Zinsmanöver eher taktischer Natur ist. Er will das Niedrigzinsumfeld über seine Amtszeit hinaus zementieren.“ Mit seiner potenziellen Nachfolgerin sollte es aber in diesem Punkt sowieso keine Schwierigkeiten geben, denkt Kater. „Im Gegenteil könnte es sein, dass Christine Lagarde noch weitere Instrumente wie erneute Anleihekäufe ins Blickfeld nimmt.“ Denn die EZB schielt neben der Konjunktur auch auf die Inflationsrate in der Eurozone. Rund 2 Prozent sollte sie nach den Zielvorgaben der Notenbanker betragen. Aktuell liegt der Wert nur bei 1,2 Prozent. Kater: „Die EZB geht nach der Devise vor: Lieber schnell und energisch handeln als irgendwann in der Deflation zu landen.“

Ohne Inflation kein höherer Zins

Dass Draghi oder seine designierte Nachfolgerin Lagarde mit ihrer Geldpolitik das 2-Prozent-Inflationsziel erreichen, darf indes bezweifelt werden. Wenn selbst in Jahren mit blühenden Konjunkturlandschaften wie 2017 kein Preisdruck aufkam, dann ist im herbstlicheren Umfeld der nächsten Zeit erst recht keine steigende Inflation zu erwarten. Für die Zukunft sieht das Deka-Szenario daher wie folgt aus: Geringes Wirtschaftswachstum gepaart mit moderater Inflation bedeutet dauerhafte Ebbe bei den Zinsen.
 
Aber nicht nur bei traditionellen Sparanlagen sind Anleger mit der Null konfrontiert. Die Geldpolitik wirkt sich indirekt auch auf Anleihen aus. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat ausgerechnet, dass inzwischen Papiere im Gesamtvolumen von mehr als 13 Billionen US-Dollar sogar negative Renditen aufweisen. Käufer erzielen mit ihnen keine Gewinne, sie zahlen drauf. Das gilt insbesondere für die sehr soliden Papiere bester Bonität. Bei Bundesanleihen beispielsweise beträgt das Minus bis zu 0,8 Prozent pro Jahr – verrückte Zinswelt.
 
Somit bieten risikolose Anlagen keine Aussicht auf positive Erträge mehr. Im Gegenteil: Unter diesen Umständen führen selbst moderate Inflationsraten zu einer erschreckenden Entwertung der Ersparnisse (siehe Grafik). „Je stärker Nominalzins und Inflation sich spreizen, desto grausamer die Wirkung“, sagt Gabor Steingart, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber des Handelsblatt. Der Wirtschaftsjournalist spricht von „einer Verdampfung von Geldvermögen“.

So verschwindet die Vorsorge

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Grafik: KD1

Ausweg Aktie

Bedeutet die epochale Zinsdürre also einen unausweichlichen Kaufkraft-Schwund bei den Ersparnissen? Das ist nicht so. Denn es sind nicht sämtliche Renditequellen versiegt. Aktien bieten einen Ausweg aus der Ertragsmisere. Dabei macht Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka, auf ein bemerkenswertes Phänomen aufmerksam: „Weil so viele Menschen auf der Welt nach Anlagemöglichkeiten suchen, sind viele Staatsanleihen, Immobilien, ja auch Oldtimer, Kunstwerke und in was man sonst noch alles investieren kann vergleichsweise teuer. Von Aktien, vor allem europäischen, lässt sich das allerdings nicht sagen.“
 
Schallmayer verweist auf gängige Kennzahlen zur Bewertung wie das Verhältnis von Kurs zu Gewinn oder Kurs zu Buchwert. Sie liegen auf normalen Niveaus. Und dass, obwohl diese Aktien etwas bieten, das Anleger sonst kaum noch finden: regelmäßige Erträge in Form von Dividenden. Am Beispiel des DAX: Die durchschnittliche Dividendenrendite der 30 Index-Titel beträgt gegenwärtig mehr als 3 Prozent. Das sollte den Renditedurst der Sparer stillen können – zumal noch Kurschancen hinzukommen.

Dividenden steigen

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Grafik: KD1

Also sämtliche Konten leerräumen und am Aktienmarkt investieren? Bevor Sparer so etwas tun, sollten sie beachten: Deutsche und andere europäische Aktien sind nicht zuletzt wegen der gegenwärtigen Konjunkturzweifel so preiswert. „Den Unternehmen fehlt es an Planungssicherheit: Die Handelskonflikte belasten die Stimmung und auch der ungewisse Ausgang des Brexit. Wir erwarten bei diesen Problemen keine schnellen Lösungen“, so Schallmayer.
 
Deshalb hält die Deka kurzfristige Rückschläge bei den Börsenkursen für denkbar. Auf mittlere und lange Sicht sprächen aber eben doch viele Argumente insbesondere für europäische Aktien: das faire Preisniveau, die attraktiven Dividenden, voraussichtlich leicht steigende Unternehmensgewinne im Jahr 2020 – und auch ein Stück weit die Geldpolitik. Denn das Handeln der EZB mache zweierlei klar. Ulrich Kater: „Erstens sind festverzinsliche Sparanlagen und Anleihen bester Bonität auf absehbare Zeit unattraktiv, Anleger müssen auf Alternativen ausweichen. Zweitens wird die EZB alle Register ziehen, sollte sich die Konjunktur weiter abschwächen.“

Horizont erweitern

Anleger können aber nicht nur mit Aktien ihren Renditedurst stillen. Die lockere Geldpolitik kommt auch noch ausgesuchten anderen Anlagen zugute. Wo die Rendite-Oasen liegen und wie man sie erreicht, lesen Sie hier.

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Bild: Mauritius Images

Quelle: fondsmagazin.de, 31.07.2019
Text: Daniel Evensen